Aus unserem Familienleben, Beruf
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Zukunftspläne und Bundestagswahl 2017

Vorgestern saßen wir zusammen in „unserem“ Balutschistan bei Kerzenschein und Stimmengewirr. Meine Freundin Anne und ich. Wenn wir zusammen ausgehen, dann gehen wir am allerallerliebsten dorthin. Wir sitzen dann auf rotem Samt, trinken Tee und Mangolassi und warten aufs Essen, das so unglaublich lecker ist, dass wir uns schon Tage vorher darauf freuen. Wir wählen aus der Karte jedes Mal das selbe. Sie die Nummer 89, ich die Nummer 133. Während wir warten sehen wir den Menschen vor dem Fenster dabei zu wie sie den Alma-Wartenberg-Platz überqueren und fragen uns gegenseitig, wie es uns geht. Gestern sprachen wir über die zurückliegenden Ferien und das Ende des Sommers. Und dann hat sie mir erzählt, dass ihr Krebs weg ist. Sie hat gelächelt, ich habe zurück gelächelt. Ganz weg? Ja. Nichts mehr zu sehen? Nein. Es war als würde für einen Moment alles um uns herum leiser werden.

Dann haben wir über unser Kinder geredet und über die Zukunft, die jetzt auf einmal wieder eine ist.

Nach dem Essen liefen wir noch ein Stück zusammen durch die Straßen nach Hause und überlegten, was wir mit dieser neuen Zukunft anstellen könnten, was uns wichtig ist, wen wir am nächsten Sonntag wählen werden und welches Bild vom Familienleben wir so haben. Mein persönlicher Fokus ist ganz klar: Ich werde meinen eigenen Weg suchen, meine Balance finden zwischen Beruf und Familie, mich weiter entwickeln und dafür sorgen, dass ich nicht verloren gehe. Und ich werde damit leben, dass mir Vorbilder fehlen, dass ich mich nicht mehr daran orientieren kann, was meine Großmutter und meine Mutter mir vorgelebt haben. Ich werde mir ein eigenes Bild machen müssen, das mir manchmal noch etwas unscharf vorkommt. Doch die Alternativen sind für mich keine. Ich kann mich nicht dafür entscheiden, mich für die Familie zu opfern, ich kann mich nicht daran festhalten, dass „es ja allen Müttern so geht“, ich kann mich nicht selbst damit beruhigen, dass eben nur eines geht: Kind oder Karriere.

Nein, meine Vorstellungen davon, wie ich leben möchte, sind andere.

Die große Vermächtnisstudie (Das Land, in dem wir leben wollen) von der Soziologin Jutta Allmendinger hat mir wieder einmal neu gezeigt, dass ich nicht alleine bin mit meinen Visionen. Yeah. In der Studie ging es im Wesentlichen um die drei großen Kernfragen wie wir derzeit leben, was wir uns für unsere Nachkommen wünschen und wie es wohl zukünftig sein wird. Gemäß der Studie sind es vor allem die Frauen, die sich gegen die traditionelle Arbeitsteilung von Beruf und Familie stellen. Sie wollen weniger Entscheidungen im Sinne ihrer Eltern treffen und empfehlen ihren Kindern kompromissloser zu sein. Beklemmend daran ist allerdings, dass wir Frauen der kommenden Generation sogar raten, notfalls auf Kinder zu verzichten. Im Grunde aber wollen wir Frauen diesen Verzicht gar nicht. Die meisten von uns wollen nämlich beides. Einen erfüllenden Beruf und Kinder.

Mir gefällt dieses Gleichzeitige, diese Absage an das veraltete Entweder- Oder.

Denn auch ich möchte vieles verbessern und verändern. Auch ich gehöre zu den Frauen, die an diesem Entweder-Oder ersticken würden.

Laut der Studie rechnen wir Frauen trotzdem damit, dass es in Zukunft schlechter wird. Dass liegt vor allem daran, dass die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen großen Einfluss auf unsere Einstellung haben und dass sie unsere Träume immer noch nicht eingeholt haben. So jedenfalls Jutta Allmendinger. Von diesen Rahmenbedingungen hängt aber ab, ob wir das Leben führen können, das wir uns auch für die kommende Generation wünschen. Und deshalb appelliert Jutta Allmendinger mit ihrem Buch an die Politik, den Menschen viel mehr zuzuhören.

Wen können wir Frauen und Mütter am kommenden Sonntag nun also wählen?

Meine Freundin hat da ganz klare Vorstellungen. Ich bin noch unentschlossen. So einfach wie bei meinem Lieblingsgericht mit der Nummer 133 ist es eben nicht. Bis auf den Umstand, dass alles was rechts liegt, unwählbar ist. In den Wahlprogrammen der übrigen Parteien finde ich teilweise kleine Schritte in die richtige Richtung, aber nie das große Ganze, das ich mir wünsche.

Die Parteien verhalten sich zu den Problemen von Eltern und Familien nicht sehr systematisch und lassen manchen guten Ansatz außen vor.

(Einen Überblick darüber, welche Punkte im jeweiligen Programm der Parteien aufgegriffen werden, findest Du hier.)

Vielleicht denke ich da zu radikal, aber mir ist das zu wenig. Denn es gibt noch so viel mehr, dass zu durchdenken wäre: Die gerechte Aufteilung der Sorge- und Erwerbstätigkeit zwischen  Frauen und Männern, mehr Unterstützung bei Krankheit und in Ferienzeiten, eine Vaterschaftsfreistellung nach der Geburt eines Kindes, das Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen, eine Umverteilung der Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern, zielgerichtete Unterstützung für Alleinerziehende. Das sind nur einige der Punkte, über die in den verschiedensten Studien und Gleichstellungsberichten geschrieben worden ist.

Sie sind alle schon da, die klugen Vorschläge und die neuen Ideen.

Heute morgen beim Frühstück, habe ich dem Mäusepapa davon erzählt, was Jutta Allmendinger schreibt und wie frustrierend ich es finde, dass Realität und Wunsch noch so sehr auseinanderfallen. Und das, obwohl die Vermächtnisstudie nichts von einem Wunsch nach Retraditionalisierung erkennen lässt. Das ist doch auch schon mal was, sagte der Mäusepapa. Und damit hat er Recht. Das kann einem tatsächlich Mut machen. Immerhin habe ich für mich selbst im letzten Jahr gelernt, dass ich mir meine Bewegungsfreiheit erobern kann und dass ich die Art Mutter sein darf, die ich eben bin. Meine Lebensqualität hängt unmittelbar davon ab, wie sehr ich daran glaube als Mutter und Frau genug zu sein. Mir ist klar, dass sich nicht alles durch Selbstreflexion regeln lässt. Dennoch kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lohnt, veraltete Regeln zu hinterfragen (darüber habe ich vor kurzem schon geschrieben), sich Klarheit über seine Wünsche, Träume und Ziele zu verschaffen, für sich selbst gut zu sorgen und in kleinen Schritten auf seinem eigenen Weg zu gehen. Das kann ich alles nur, weil wir heute freier und sicherer leben als jemals zuvor.

Meine Philosophie ist: Die Vereinbarkeit beginnt in mir.

Doch da ist noch mehr, das mir wichtig ist: Der Erhalt der Demokratie, der schon eingeschlagene Weg für unterschiedlichste Familienmodelle, die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, Chancengleichheit, bewusste Karriereförderung auch für Eltern, der zwischenmenschliche Zusammenhalt und die Idee eines gemeinsamen Europas. Das sind Dinge, die ich nicht für mich alleine lösen kann, dafür brauche ich die Hilfe der Gesellschaft, in der ich lebe. Deshalb mag ich jetzt noch unentschlossen sein, jedoch eines ist für mich ganz klar. Ich werde am Sonntag wählen gehen und meine Stimme nutzen.

Gehe wählen. Nutze Deine Stimme. Mache Familienpolitik für eine bunte Zukunft.

(Noch mehr zu Bundestagswahl und Familienpolitik und gleichzeitig eine klasse Übersicht über weitere Beiträge zu diesem Thema findest Du bei grossekopfe.)

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