Familienleben Mehr lieben

Wer bin ich und bleibt das so?

Die Maus hat Wochenende. Sie sitzt auf der Rückbank im Auto und weigert sich, 9 + 8 auszurechnen. Obwohl sie es war, die uns diese Rechenaufgabe gestellt hat, um zu erfahren wie alt sie in 8 Jahren sein wird. Aber die Maus rechnet das jetzt auf keinen Fall selbst aus, weil eben “Och nö, es ist doch Wochenende“. Woraufhin der Mäuserich unvermittelt antwortet: „17“. Einfach so. Als hätte die Frage gelautet: „Was ist 1 + 1?“ und obwohl er erst in 9 Monaten eingeschult wird. Die Minimaus kräht munter „siezehn“ und der Mäuserich grinst zufrieden. Ich grinse auch zufrieden, weil ich jetzt doch ziemlich stolz bin, dass der Mäuserich so etwas schon kann. Auch am Wochenende.

Und ich denke, das ist lustig, dass die Maus heute nicht rechnen will. Auch wenn wir natürlich sogar an Sonn- und Feiertagen Mathe üben. Das ist manchmal mühsam. Aber wenn ich mir eine Matheralley quer durch die Cafés der Stadt ausdenke oder es nach 3 Aufgabenblöcken ein fettes Eis dazu gibt, macht es uns beiden Spaß. Ich frage mich, ob der Mäuserich das später mal nicht üben muss. Und was ich wohl stattdessen mit ihm üben werde. Meine Mutter hat einmal gemeint, mit mir habe sie nie etwas zu Hause lernen müssen. Das werde doch mit dem Mäuserich später genauso sein.

Ist das so?

Kann ich das wissen?

Kenne ich meine Kinder denn schon ganz genau?

Ich überlege.

Die Maus zum Beispiel fährt prima Einrad sogar über Rampen, rückwärts und im „falschen Flieger“. Sie kann gut mit Worten, denkt sich Detektiv- und Pferdegeschichten aus und schreibt irre gerne Listen. Sie liebt Bastelprojekte und macht sich manchmal viel zu viele Gedanken, um ihre Mitmenschen. Das geht schon mal so weit, dass sie meint, sich in der Klasse nicht umsetzen zu dürfen, weil ihre Sitznachbarin darüber traurig sein könnte. Sie ist auch die einzige, die es schafft, die Minimaus ins Bett zu bringen, wenn wir einen kinderfreien Abend haben und die Oma zum Babysitten kommt. Und sie backt für uns regelmäßig Sonntagskuchen.

Die Minimaus liebt ihren „Loola“ (Roller), fährt schon viel zu schnell Laufrad, verlässt das Trampolin nur unter Protest und schaukelt gerne hoch und lange. Sie sagt so bezaubernde Worte wie „Wiwi“ (was Kiri und Kiwi meinen kann) und „Lulla“ (was im Unterschied zu Loola jetzt der Schnuller ist). Sie spricht noch nicht sehr deutlich dafür aber viel. Und sie hat inzwischen begriffen, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn die Oma sie aus der KiTa abholt, weil da auch schon mal „Kokolale“ mit im Spiel ist. Was für sie gerade das Schlemmerigste überhaupt ist. Neuerdings lässt sie sich sogar die Schokostückchen aus dem Stracciatellaeis fischen. Sie liebt es auch über alle Maßen „lo“ (los) zu gehen, egal wohin, und ist so begeisterungsfähig bei allem, was ihre Geschwister tun, dass es uns und ihr das Herz brechen würde, dieses „Auch“ zu ignorieren. Selbst dann, wenn es für alle Beteiligten furchtbar umständlich wird, weil sie einiges bisher eben nur fast kann.

Und der Mäuserich? Er mag Dinos, Ritter, Autos, Strukturen und Muster. Er malt gern aber eher selten Menschen mit Häusern, Blumen und Sonne. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es eine Schatzkarte oder ein streng geheimer Brief wird. Und er sagt so Sätze wie: „Drei Piraten sind von der Burg abgehauen und erleben spannenden Abenteuer.“ oder „In meinem Kopf gibt’s mehrere Räume, ich habe gerade die Tür zum Computerraum geöffnet.“. Er läuft schnell, klettert hoch, fährt weit. Und wie er lacht und geht und sich stark fühlt. So stark, dass er sein Fahrrad schon allein aus dem Keller holen und mir beim Betten machen helfen kann. Gute-Nacht-Küsse braucht er keine mehr, aber ab und zu eine ganz feste Umarmung oder seine Hand in meiner.

Aber das alles sind nur kleine Bruchstücke, aus denen ich mir meine Kinder zusammensetze. Und wenn mich die Maus ansieht und auf meine Feststellung, das Keramikmalen sei heute wieder teurer geworden als gedacht, unumwunden antwortet: „Ja, aber es macht uns jedes Mal glücklich“. Oder wenn sie dann ein paar Tage später nach einer Unstimmigkeit mehr so rethorisch fragt: „Papa, warum bist du immer so Scheiße?“, dann wird mir klar, dass da noch viel mehr ist. In uns und in meinen Kindern. Jeden Tag ist da etwas neu. Das ist alles noch gar nicht fertig. Und das wird es auch nie sein.

Dass wir meinen, uns zu kennen, uns mit anderen abgleichen, in den Erinnerungen danach kramen, wie wir als Kinder so waren, oder uns damit konfrontiert sehen, was Omas, Tanten und Nachbarn über uns glauben, das alles ändert nichts daran, dass wir uns immer wieder neu entscheiden dürfen, wer wir gerade sind.

Denn dieses Wer bin ich? ist kein Gesamtkonzept, das irgendwann steht. Es ist ein Wachsen, Fließen, Verändern, immer mal wieder anders sein. Es ist ein Wie fühle ich mich gerade? Was brauche ich jetzt? Was will ich momentan tun?.

Das muss ich meinen Kindern unbedingt sagen. Dass sie jederzeit alles sein dürfen. Dass sie auch manches gleichzeitig sein können und dass das, was andere über sie sagen, nicht unbedingt die Wahrheit und schon gar nicht ein zwingender Rahmen ist.

Dass der Mäuserich seine Autos an einem Tag mögen und noch am selben Tag blöd finden kann, dass er Großer – Bruder – Sachen und Kleiner – Bruder – Sachen tun kann. Dass er mit der Maus Häuser und Türme bauen, mit der Minimaus über Pupse kichern und sich alleine Bücher ansehen kann. Dass er Vormittags die Welt – na gut Schnecken – retten kann und sich nachmittags bettmüde einkuscheln und Hörbücher hören kann, dass er an manchen Tagen stark und an anderen verkichert und herzweich sein kann. Und dass das trotzdem alles er ist.

Dass sich die Maus in der Klasse neben jemand anderen setzen und gleichzeitig auch nett sein kann. In dem sie ankündigt, dass sie das jetzt so macht, und dabei bleibt, dass sie trotzdem eine gute Freundin ist. Eben weil ihr Bedürfnis nach dieser Veränderung genauso wichtig ist wie der Wunsch ihrer Freundin nach Kontinuität. Das sage ich ihr und damit kann sie etwas anfangen.

Und ich lasse die Minimaus fröhlich und laut und dann auch wieder verweint und verstolpert sein. Dann setze ich sie mir auf den Schoß und wir kuscheln eine Runde. Ich bin ganz Mama. Ich wische mit dem „Hatdu“ (das ist das Taschentuch, Handtuch, überhaupt alles mit Tuch) ein paar Tränen aus ihrem Gesicht, sie zieht erst eine Flunsch und dann lacht sie breit. Es ist wieder gut. Es kann weiter gehen. Sie will jetzt gucken, was der Papa macht.

Ich winke sie aus der Küche hinaus, nippe an meinem Kaffee und spüre, dass es jetzt ganz schön ist, dass keiner was von mir will. Das bin ich nämlich auch. Gerne mal allein. Und wenn ich genauer darüber nachdenke, dann weiß ich gerade gar nicht, ob meine Kinder auch gerne mal alleine sind. Die Maus wohl schon manchmal und der Mäuserich? Mhm, ich glaube auch. Ja genau, er spielt doch schon ab und zu mal hinter verschlossener Tür. Und die Minimaus, nein, die ist nicht gern allein, sie guckt dem Papa lieber beim Rasieren zu oder legt mit mir die Wäsche (sie weiß zu jedem Kleidungsstück, wem es gehört) und geht dann wieder gucken, was der „Ale“ oder die „dada“ oder eben „bei“ (beide) machen.

Aber ist es denn morgen überhaupt noch wahr, was ich mir heute über meine Kinder erzähle? Welche Geschichten habe ich über sie und mich im Kopf und welche kommen noch dazu?

Ich weiß, dass unsere Tage zäh und irgendwie verkrempelt sein können und dann sind sie wieder klar und himmelhoch. Manchmal möchte ich ganz leise sein und fühlig und manchmal laut und mehr so nach außen. Und das bin ich dann auch. Ich versuche im Alltag weniger zu wollen und will trotzdem ganz viel, manchmal auch zu viel und dann wieder ist es mir wurscht, ob das alles perfekt ist und ob ich eine gute Mutter bin. Dann glaube ich, dass ich für meine Kinder genug bin, weil es genug ist, genug zu sein. Und wenn ich mal nicht so genau weiter weiß, dann geht es trotzdem weiter und ich lerne etwas dazu und sehe uns neu und anders. Dann mache ich auch etwas anders und plötzlich weiß ich wieder weiter. Weil ich begriffen habe, dass es darum geht, mit sich selbst freundlich und stimmig zu sein. Und darum, mal zu schauen, was ohne die festgelegten Geschichten über uns noch alles möglich ist.

Das ist spannend. Das fühlt sich frei an. Ich mag frei.

Später sitzen wir beim Abendessen zusammen und reden über den Tag, jedenfalls versuchen wir das, denn alle reden durcheinander und die Minimaus läuft um den Tisch herum und will etwas von Papas Käse. Ich lege meine Hand auf die  Tischecke, damit es beim Laufen keine blauen Flecken gibt. Der Mäuserich blubbert derweil mit seinem Trinkhalm im Milchglas und meint, ich sei die beste Mama der Welt. Und das nur, weil ich noch einen allerletzten Knicktrinkhalm im Küchenschrank gefunden habe. Die Maus berichtet vom neuesten Klassenstreit und der Papa hört zu, nebenbei hebt er die Minimaus zu sich auf den Schoß, die jetzt lautstark protestiert, weil sie gar nicht kuscheln sondern nur den Käse will.

Und ich denke, sieh mal an, das sind wir gerade!

Und nein, das bleibt nicht so.

Morgen sind wir wieder anders.

Ich freue mich darauf.


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