Familienleben
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Stilllesung

Gerade habe ich ein Buch im „Nachtmodus“ nahezu verschlungen. Und das eigentlich nur, weil wir hier im Urlaub kein WLAN im Appartement haben, weil Maus und Mäuserich nach den Tagen am Meer binnen Sekunden erschöpft in die Kissen sinken, weil die Minimaus von der frischen Meeresluft genauso gut einschläft, weil ich also früh im Bett liege und nichts anderes zu tun ist. Und weil ich diesen Artikel über das Buch in der Eltern-Zeitschrift gelesen habe. Darum war es überhaupt in meinem Reisegepäck und nun habe ich es schon zu Ende gelesen.

Schade eigentlich, denn ich finde das Buch „Vive la famille“ von Annika Joeres ganz wunderbar. Deshalb werde ich es allen Müttern schenken, die das Pech oder doch eher das Glück haben, bald Geburtstag zu feiern. „Vive la famille“ war stellenweise so interessant, dass ich auch dem Mäusepapa auszugsweise daraus vorgelesen habe und das mache ich sonst nie. Er liest keine Erziehungs-, Vereinbarkeits-, Elternliteratur. Niemals. Dieses Buch fand er „okay“ und das will schon etwas heißen.

Das Buch von Annika Joeres ist deshalb gleichermaßen kurzweilig, erfrischend, herzlich und lehrreich, weil es von einer Autorin geschrieben wurde, die die Geheimnisse des französischen Familienlebens selbst erfahren hat. Annika Joeres lebt mit ihrem Sohn Fred und ihrem Mann Hans in Südfrankreich. Sie hat hingeschaut und all ihre französischen und deutschen Freundinnen, Bekannten, Hebammen, KiTa-Leiterinnen und andere zum Thema Familienleben befragt. Mit den daraus gewonnen Erkenntnissen versucht sie zu erklären, warum die französischen Frauen zum einen mehr Kinder bekommen als wir deutschen Frauen und zum anderen weniger unter der Vereinbarkeitsfrage leiden als wir.

Ich finde, das gelingt ihr ausgesprochen gut und dabei habe ich nicht das Gefühl, dass sie die Nachteile, die das französische Denken über Familie, Beruf und Kinderbetreuung mit sich bringt, ausblendet. So schildert sie die zwiespältigen Gefühle, die Frauen im Hinblick auf die medizinische Betreuung bei der Entbindung in einer französischen Klinik haben, genauso wie die Schwierigkeiten, die man in Frankreich mit dem Wunsch nach einer längeren Auszeit vom Beruf bekommt.

Überwiegend sieht sie die Einstellung der französischen Gesellschaft zum Kinderhaben und Familiesein aber positiv. Und das sprüht aus nahezu jeder ihrer Zeilen. Sie schildert die französische Antwort auf Fragen wie zB zum richtigen Zeitpunkt fürs Kinderkriegen, zur Kinderbetreuung, zur Freizeitgestaltung, zur Verköstigung der Kinder, zur Vereinbarkeit, zur Erziehung. In vielen Punkten unterscheidet sich die Einstellung der Deutschen und der Franzosen deutlich und ich bin nun doch etwas neidisch auf das gesellschaftliche Bild, dass die Franzosen von einer (Groß)Familie haben.

Über allem liegt das Credo „Glückliche Eltern haben glückliche Kinder“. Was das in Frankreich im Detail bedeutet, kann man im Buch von Annika Joeres nachlesen. Immerhin sagt sie über sich, dass sie in Deutschland wohl keine Kinder bekommen hätte und das erst die entspannte Einstellung der Franzosen dazu geführt habe, dass sie sich ein Kind überhaupt zugetraut hat. Derzeit erwartet Sie das zweite Kind.

Ich selbst bin inzwischen dreifache Mama. Damit gehöre ich zu „nur“ zwei Dritteln der Akademikerinnen in Deutschland die überhaupt Kinder haben. Wieviele davon drei und mehr Kinder haben, ist überschaubar. Laut einer Studie leben Paare mit mindestens drei Kindern bei uns auch noch häufiger in der „traditionellen Rollenverteilung“ als Paare mit einem oder zwei Kindern. Zudem herrscht in Deutschland aus unserem historischen Erbe heraus immer noch der gesellschaftliche Konsens, dass Kinder zu ihrer Mutter gehören.

Ich finde, das sind alles keine besonders entspannten und guten Voraussetzungen für Mütter wie mich, die arbeiten wollen und trotzdem Kinder haben möchten. Ich habe mit meinen drei Kindern nach deutschem Vorbild also die Wahl zwischen „Hausfrau und Mutter sein“ (und dabei verrückt zu werden) oder meine Kinder mit schlechtem Gewissen außerhäusig betreuen zu lassen, um arbeiten zu können (und dabei ebenfalls verrückt zu werden).

Oder ich wähle eine dritte Option und die heißt, ich werde Französin im Geiste.

Wie mir das Buch „Vive la famille“ bestätigt, bin ich mit meinem ostdeutschen Hintergrund schon nahe dran, denn eine Studie hat gezeigt, dass ostdeutsche Frauen und auch Männer viel häufiger davon ausgehen, auch mit einem vollwertigen Beruf Kinder großziehen zu können. Das meint eine Berufstätigkeit beider Eltern! Meine berufstätige Mutter hat mich schon mal ganz gut geprägt und mein Mann ist trotz seiner westdeutschen Herkunft egalitär eingestellt. Nach der Lektüre des Buches weiß ich, so denken auch die Franzosen und ich kann diese Einstellung noch kultivieren.

Meine ostdeutsche Sozialisierung hat mich dennoch nicht davor bewahrt, die Ansichten meines Umfelds quasi postnatal aufzunehmen und noch allzu oft mit einem schlechten Gewissen herum zu laufen. Es quält mich manchmal, dass ich keine aufopferungsvolle Mutter sein will, dass meine Maus in den Schulhort „muss“ und der Mäuserich um 17.00 Uhr oft schon eines der letzten Kinder in der KiTa ist. Ich weigere mich, mit den beiden mehr als einen Tanz-, Mal-, Sport oder Musikkurs zusätzlich zu KiTa und Hort zu besuchen (am liebsten gar keinen außerhalb von KiTa und Hort) und sehe mich ansonsten nicht in der Lage, auf ein gewisses Quentchen an Egoismus zu verzichten. Dennoch will ich meine Mäuse natürlich gut aufgehoben wissen und bin dankbar für unsere tolle KiTa und den Hort, die Musikkurse und andere Angebote mitliefern. Mir ist selbst nicht ganz klar, wie ich es mit dieser Einstellung zu drei Kindern bringen konnte.

Alles Sorgen, die auch die Autorin Annika Joeres (hier im Interview mit der „Zeit“) kennt und die sich in Frankreich -zumindest größtenteils- in Luft aufgelöst haben. Sie schreibt, die französische Gesellschaft nehme Mütter als Berufstätige ernst, eine Entscheidung zwischen Beruf oder Kind müsse dort keine Mutter treffen. Die Betreuung in der „la creche“ werde durchweg positiv als Bereicherung für Kinder und Eltern und nicht wie bei uns in Deutschland als schlechter Kompromiss gesehen.

Zu bedenken sei dabei auch, dass die Betreuung in KiTa und Schule in Frankreich staatlich weitaus mehr gefördert werde und sie unserer daher vor allem in der Qualifikation des Personals und in der Verpflegung der Kinder einiges voraus hat (lesenswert auch das Kapitel zur französischen Ernährung).

Großfamilien seien normal und Kinder selbstverständlicher Bestandteil des französischen Lebens und des Arbeitsalltages. Kinder seien bei uns in Deutschland deshalb so teuer, weil Mütter ihr berufliches Leben aufgeben oder stark einschränken. „Aufopferung“ für Kinder scheine das deutsche Mantra zu sein und bei alldem würden deutsche Mütter zuweilen vergessen, dass es natürlich ist, Kinder in die Welt zu setzen und trotzdem eigene Interessen und berufliche Wünsche weiter zu verfolgen.

Annika Joeres zitiert dazu viele wichtige Aussagen, die sich mir eingeprägt haben. „Zuhausebleiben ist kein Naturgesetz“ ist eine davon. Genauso gut ist die Aussage von der Soziologin Heintz-Martin „Ein Kind zu bekommen oder nicht, sollte eine persönliche Entscheidung bleiben. Es sollte wieder normal werden und den Eltern zugleich finanziell und mit guter Betreuung geholfen werden.“. Am schönsten ist allerdings das Zitat von Elisabeth Badinter (französische Philosophin) „Wir sind alle mittelmäßige Mütter.“. Wer das ohne schlechtes Gewissen von sich sagen kann -und das sehen die meisten Französinnen so- muss als Mutter sehr entspannt sein.

Sicherlich wird das Buch nicht die Einstellung einer Mutter ändern, die aus Überzeugung Vollzeit zu Hause ist. Es wird aber ganz bestimmt denjenigen Müttern gut tun, die berufstätig bleiben wollen oder müssen. Das Buch zeigt, man sollte ideologische Prägungen überdenken, man darf sein Mutterbild noch einmal bewusst durchleuchten, man kann mit Kindern auch guten Gewissens anders leben und dafür gibt es auch wissenschaftlich belegte Gründe.

Schon beim Lesen kam bei mir große Erleichterung auf, denn ich merke, ich bin gar nicht so allein. Ich werde mir das Buch unter mein Kopfkissen legen und all diese entspannenden Gedanken und Fakten zum Muttersein hoffentlich nicht mehr vergessen.

Vive la famille!

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