Aus unserem Familienleben
Schreibe einen Kommentar

Selbstbestimmte Zeit

zeit

Ich saß auf dem Heimweg von der Arbeit in der S-Bahn und blätterte in einer Zeitschrift. Bei den Stichworten „Entschleunigung“, „Zeit“ und „Muße“ blieb ich hängen. Ich las, dass unser Zeitempfinden und das Gefühl von Zeitmangel und Stress ganz entscheidend davon abhängen würden, wie selbstbestimmt wir unsere Zeit verbringen können. Dabei spiele es keine Rolle, was man in dieser Zeit mache. Frauen empfänden mehr Druck und Zeitmangel als Männer. Und dies ganz unabhängig davon, ob sie Mütter seien oder nicht. Und zwei Seiten weiter las ich einen kleinen Abschnitt dazu, dass diejenigen von uns, die an den freien Willen glauben und daran, dass sie ihr Leben selbst gestalten können, am glücklichsten seien.

Das ist es, dachte ich. Deshalb habe ich mein Promotionsprojekt so geliebt und nicht als Druck empfunden. Ich hatte das Vorhaben selbst bestimmt. Die Zeit, die ich damit verbrachte, war meine Zeit – selbst geplant und selbst mit Inhalten gefüllt. Ich hatte einen Tag in der Woche, der nur mir gehörte. Den ich mit der Promotionsarbeit füllen konnte (was ich meistens tat) oder mit Faulenzen, Schlafen, Lesen verbrachte (was ich seltener aber bei einem akuten Bedürfnis nach Pause eben auch mal tat). Ich konnte in meinem eigenen Tempo vorgehen. Ich hatte einen Freiraum neben allen sonstigen Verpflichtungen.

Und das ist es auch, was ich jetzt vermisse. Solch eine „Eigenzeit“ habe ich momentan nicht. Ich gehe arbeiten – jeden Tag von Montag bis Freitag. Danach hole ich die Maus und den Mäuserich von der Kita ab und es geht je nach Wetterlage auf den Spielplatz oder nach Hause. Gegen 18.00 Uhr beginnt das Abendprogramm mit Baden, Abendbrot essen und den Zubettgehritualen. Hole ich die Kinder nicht ab, sitze ich länger im Büro, um die Stunden von den Abholtagen nachzuarbeiten. Die Abende gehören ab ca. 21.00 Uhr mir und meinem Mann, aber meistens sind auch da noch Dinge zu erledigen z.B. Wäsche legen, Unterlagen sortieren, Anträge ausfüllen, Aufräumen, Organisatorisches mit meinem Mann besprechen. Irgendwann – meistens so gegen 24.00 Uhr – liege ich erschöpft im Bett und frage mich, wo der Tag geblieben ist. Wie machen das andere nur?

Natürlich habe ich mir das Leben mit Kindern und Beruf so ausgewählt. Natürlich würde ich um nichts in der Welt meine Kinder wieder abgeben (wir wollen ja sogar ein drittes Kind) oder meinen Beruf nicht mehr ausüben wollen. Dennoch habe ich meistens das Gefühl, fremdbestimmt zu sein und kein Zeitfenster für das zu haben, was ich selbst wirklich möchte. Ich weiß, anderen geht es genauso. Oder empfinden andere Mütter die Zeit mit ihrem Beruf oder ihren Kindern gar nicht als fremdbestimmt? Vielleicht bin ich da schneller an meiner Grenze als andere? Das frage ich mich oft. Ich arbeite gern und ich bin gern mit meiner Maus und dem Mäuserich zusammen, aber ich würde eben genauso gern mal etwas anderes machen. Die Bürozeiten möchte ich zum Teil mit anderen Aufgaben füllen und wenn ich meine Kinder um mich habe, dann heißt es alle paar Sekunden: „Mama, kommst Du mal?“ oder einfach nur: „Maaaaaamaaaaaaaa!“. Besonders an den Wochenenden erfasst mich manchmal schlagartig so eine  mentale Erschöpfung, dass ich auf dem Spielplatz sitze und Fluchtgedanken hege. Wo ist die Zeit zum Lesen, zum Reden mit meinem Mann und zum Gedanken nachhängen? Wo ist die Zeit zum alleine sein?

Fatal ist, dass ich gar nicht weiß, was ich tun würde, wenn ich sie denn mal hätte. Wenn ich beginne darüber nachzudenken, was ich in so einem eigenen Zeitfenster machen würde, ist da entweder Leere oder es fallen mir dann doch so viel Dinge ein (Haare färben, Nägel lackieren, ein Bad nehmen, das Buch XY zu Ende lesen, einen Film ansehen, etwas Neues lernen, eine Lampe für das Wohnzimmer besorgen, das Kinderzimmer umgestalten etc.) dass ich mich auch schon wieder gehetzt fühle. Wenn ich mir vornehme, meinen Mann die Kinder einmal alleine ins Bett bringen zu lassen, dann kann ich meine Zeit gar nicht füllen und gehe doch wieder nach Hause und helfe beim Insbettbringen. Ich weiß gar nicht, was ich wirklich will.

Irgendwo sitzt ein Mechanismus in mir, der mich meine mentalen  Bedürfnisse oft missachten lässt und den ich durchbrechen will. Vielleicht ist meine Frage nicht, woher ich mehr Zeit für mich bekomme sondern was ich in welchem Zeitfenster machen möchte, wie ich mir die Selbstbestimmmung über meine Zeit zurück erobere.

Vielleicht kann ich mir bei meinem Mann noch etwas abschauen und mir z.B. vornehmen, dass er an den Tagen, an denen er die Kinder abholt, sie auch alleine ins Bett bringt. Das mache ich an meinen Abholtagen schließlich auch, ohne dass wir darüber reden müssen. Und wenn ich die Kinder abhole, dann wird nicht noch schnell mit ihnen eingekauft oder Wäsche gemacht. Dann wird nur zusammen gespielt und Brot und Milch bringt an dem Tag mein Mann mit. Und wenn ich nicht aufräumen mag, bleibt es liegen und wartet bis ich eine Atempause hatte.

Ich plane jetzt einen Abend in der Woche, der nur mir gehört z.B. für das Schwangerenyoga oder für einen Kaffee in meinem Lieblingsbistro. Und ich kann damit aufhören, immer so effektiv sein zu wollen….Oh, da fallen mir sicher noch mehr Situationen ein, in denen ich zu viel auf einmal will. Ich fange gerade erst mit der neuen Zeitplanung an ……

zeit 2

Kommentar verfassen