Familienleben
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Schweden und seine Mütter

imageWeil das Thema so spannend ist, hier noch einmal ein paar Eckdaten zur skandinavischen Familienpolitik, die mich doch überrascht haben und die ich mir auch für uns gewünscht hätte:

In Schweden gibt es schon länger ein Familienrecht, dass allen anderen Ländern in Sachen Gleichberechtigung weit voraus war. Das fing 1915 mit den ersten Regelungen zum einvernehmlichen Scheidungsrecht an und setzte sich 1939 dann mit Regelungen fort, die den gleichberechtigten Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt bedeuteten. Demnach hatten Eheleute gleiche Rechte und Pflichten in der Haushaltsführung, beim Familienunterhalt und in der Kindererziehung. 1945 wurden die steuerlichen Kinderfreibeträge, die faktisch nur Männern zu Gute kamen, durch Kinderbeihilfen ersetzt, die direkt an Mütter gerichtet waren.

Was mich aber am meisten beeindruckt ist, dass in der mentalen Entwicklung ebensoviel passiert ist. In einer von der Regierung initiierten Familienuntersuchung ist man sich darüber klar geworden, dass die mütterliche Erwerbstätigkeit keinerlei schädigenden Einfluss auf die Kinder habe. Man kam zu dem Schluss, dass Kleinkinder zwar eine ständige Bezugsperson bräuchten, dies aber nicht unbedingt die Mutter sein müsse. Der Kontakt mit anderen Kindern und eine professionelle Betreuung in einer Tagesstätte wurden nicht als schädlich, sondern als förderlich für die kindliche Entwicklung eingestuft – in der Bundesrepublik war das zur damaligen Zeit undenkbar.

Hinzukam, dass es in Schweden in vielen Schlüsselposition Frauen gab, die die geistige Umwälzung schon damals vorangetrieben haben. Ein Glück für Schweden, denn diese Frauen wie Alva Myrdal oder auch Camilla Idnhoff sorgten dafür, dass die emanzipatorische Arbeitsmarkt- und Familienpolitik eng aufeinander abgestimmt wurden. Die schwedischen Frauen wehrten sich sehr früh gegen Maßnahmen, die Mütter über die Schwangerschaft und Entbindung hinaus besonders schützten sollten, denn das bedeutete staatliche Bevormundung in Richtung Heim und Herd. Das schwedische Mutterbild war schon damals weitaus pragmatischer und realitätsnaher als unseres. Berufstätige Mütter wurden in Schweden nicht bedauert, sondern man gestand ihnen auch zu, dass sie auf diese Weise gleichberechtigt und selbstbewusst dem häuslichen Alltag mit Kindern entfliehen wollten (ich liebe diesen Satz). Ähnliches zeichnete sich in Dänemark ab und seit den 70er Jahren heißt es sowohl dort als auch in Schweden „Gleichberechtigung“ durch Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt und im Haushalt. Das galt vor allem in Bezug auf den Haushalt auch für Männer – und das vor mehr als 40 Jahren wohlgemerkt….

Sie haben vor allem früh gemerkt, dass Gleichberechtigung für die Mütter nur dann lebbar wird, wenn die Kitabetreuung qualitativ hochwertig ist. Okay, der Preis dafür war, dass dieses egalitäre Familienmodell die  Schweden einiges mehr gekostet hat als die Bundesrepublik in dem Bereich ausgegeben hat. Zudem ist das Doppelverdiener-Modell zum Nachteil der Wahlfreiheit (arbeiten oder zu Hause bleiben) politisch ganz klar bevorzugt worden. Der Lohn dafür ist, dass die schwedischen Frauen mehr Kinder bekommen, keine der schwedischen Frauen sich zwischen Kind oder Beruf entscheiden muss und die sehr gute Kinderbetreuung diese selbstbewusste Haltung auch weiter forciert. Schweden (aber auch Dänemark und Finnland) hatte bereits in den 70er Jahren eine Frauenbeschäftigungsquote (81 %), die Deutschland heute noch nicht erreicht hat.

In Deutschland hält sich trotzdem erstaunlich hartnäckig in den Köpfen, dass allein die Mutter für das Kindeswohl zuständig ist. Dies hängt damit zusammen, dass man das Hausfrauenmodell schlichtweg bevorzugte und die Bindungsforschung einseitig betrachtete. Dabei war es selbst hier in Deutschland im letzten Jahrhundert nur in einer sehr kleinen gesellschaftlichen Schicht und nur während einer kurzen geschichtlichen Epoche so, dass Mütter ihre Kinder selbst betreuten. Meist musste auf das Netzwerk von Großmüttern und Verwandtschaft zurückgegriffen werden.

Es ist in dem Zusammenhang an der Zeit, dass man bei uns beachtet, was Kleinkind-Forscher weltweit in den letzten Jahrzehnten über die Auswirkungen der familienergänzenden Betreuung herausgefunden haben. Sie beeinflusst weder die Bindung zur Mutter negativ, noch schadet der Besuch einer KiTa dem Kindeswohl. Im Gegenteil, eine KiTa zu besuchen kann Kindern gut tun, wenn die Einrichtung sehr gut ist. Und es gibt letztlich keine kategorischen Wahrheiten. Jedes Kind reagiert je nach Temperament, nach Qualität der Einrichtung und nach Bindung zu den Eltern auf die Betreuung in einer KiTa. Und jetzt noch einmal, die Qualität der Bindung zu den Eltern hängt nicht an der Rund-um-die-Uhr-Betreuung zu Hause. Wichtig ist, dass das Kind die Verlässlichkeit der Beziehung, die Freude und Liebe darin spürt.

Deutschland hat zwar ein weitaus lähmenderes historisches Päcklein zu tragen, dass sich jahrzehntelang auf die Familienpolitik ausgewirkt hat, aber wir sind nun gezwungen, dies alles möglichst schnell aufzuholen, denn mehr berufstätige Frauen und mehr Kinder braucht auch unsere Wirtschaft. Der global angelegte Gedanke, dass es weltweit auch so genug Kinder gäbe, ist in dieser Hinsicht nicht besonders hilfreich. Die UN warnte Anfang 2013 schon vor einer Unterbevölkerung, auf die die Weltbevölkerung inzwischen zusteuere. Zudem bedeuten die Kinder anderer Länder noch keine Zukunft für die eigene Wirtschaft und die eigene Bevölkerung.

Aber so weit muss ich gar nicht gehen, denn ich will damit ja gar nicht sagen, dass nun alle Kinder bekommen müssen. Dafür gibt es natürlich auch viele andere gleichbedeutende Lebensentwürfe. Mein Ziel ist es eher, dass die Politik diejenigen Frauen mehr beachtet, die bei entsprechenden, familienfreundlichen Rahmenbedingungen gerne Kinder bekommen würden und dies womöglich aus Sorge um ihren Beruf, ihre Unabhängigkeit und die schlechte Betreuungssituation nicht tun oder die statt mehrerer Kinder letztlich nur eines bekommen, obwohl sie sich unter anderen Voraussetzungen anders entschieden hätten.

Puh, das musste ich jetzt mal loswerden.

Diese Informationen habe ich alle aus dem Buch von Karen Pfundt „Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben.“ Vielen Dank dafür….

0 Kommentare

  1. Ja, die Nachbarn im Norden haben uns einiges voraus. Mein Vater lebt in Finnland und da erlebe ich auch so einiges, was bei denen einfach besser läuft als bei uns. Es herrscht einfach eine andere Grundhaltung, was Familien, arbeitende Mütter und Väter und so weiter betrifft. Und diese Grundhaltung macht das Leben dort viel entspannter als hier, wo man sich, egal, was man macht, immer rechtfertigen muss, egal, ob man nun nach 12 Monaten arbeiten geht oder drei Jahre zuhause bleibt: Hier kann es man es niemandem Recht machen. Leider.

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