Familienleben Mehr lieben

Schon VIER, erst VIER

Wenn ich später versuchen werde, mich daran zu erinnern, wie sie so war mit VIER, dann werde ich zuerst an ihre Fröhlichkeit denken. An ihr Lachen und an ihren schelmischen Blick beim Quatsch machen. Und wie sie ihr Gesicht verzieht, wenn sie ein Monster ist und uns erschrecken will, dabei sieht sie eigentlich nur entzückend aus, gar nicht gruselig, und trotzdem müssen wir so tun als bekämen wir Angst. Und dann lacht sie wieder so mit ihrem ganzen Körper.

Ihre Freude ist manchmal so groß, dass ich staune, wieviel davon in so einen kleinen Menschen passt.

Aber sie ist natürlich gar nicht mehr klein. Obwohl sie sich momentan jeden Tag die viel zu kurzen  Strickschuhchen anziehen lässt und dann als Baby durch die Wohnung krabbelt. Dann kann sie auf einmal nichts mehr alleine und muss wieder getragen werden. Dabei ist die Babyzeit doch längst vorbei und eigentlich bin ich ganz froh darüber. Aber dann muss ich doch seufzen, weil meine Jüngste, mein Nesthäckchen, meine Schlumpfine, meine Kleine ganz bald nicht mehr klein sein wollen wird. Und deshalb spiele ich das Babyspiel doch noch einmal mit, genieße das Kuscheln und Tragen und freue mich, dass wir so da sind, wir beide – zusammen im Sessel oder sie auf meinem Schoß oder neben mir in ihrem Bettchen, während wir zum 100mal in ihrem Lieblingsbuch blättern und zum 1000Mal über die Katze, den Eisfuchs, die Schlange reden und wie viele Zähne die Tiere alle so haben und dass die Schildkröte keine hat.

Und ich werde daran denken, dass ich mir ein paar Sorgen gemacht habe, weil die Minimaus kleiner ist als ihre Geschwister und so spät erst mit dem Sprechen beginnen wollte. Dabei kann sie schon so viel und redet inzwischen so vieles wie „Satest du nicht nein, satest du ja?“, mit diesem ganz eigenen Singsang, der die Worte so munter hüpfen lässt. Ich finde es auch dieses Mal wieder erstaunlich, wie das mit dem Muttersein so geht – immer, wenn ich denke, dass ich zu müde und erschöpft bin, dass ich eine Pause brauche oder jetzt mal der nächste Schritt kommen könnte, weil gerade alles so schwer ist, wird es plötzlich wieder leicht, noch schöner und immer irgendwie anders und neu und ganz eigen. Es ist so schön, ihr beim entdecken zuzusehen. Und wie sie sie ist.

Wie sie ganz genau weiß, was sie will. Nur dieses Kleid und nie ohne „Dodo“ (Socken). Mit diesen Stiefeln. Und dieser Jacke. Heute kein Käppi, heute die Mütze. Schoscho (Müsli) mit Milch. Ganz viel. GANZ VIEL!!! Und „beijes“ (Was beijes ist, bleibt unser Geheimnis). Mehr Soße. Mehr Parmesan. Alleine machen. Mein Stuhl. Mein Teddy. Meine Tasche. Den Stift, mit dem die Maus gerade etwas malt. Das Auto, das der Mäuserich gerade bespielt. Ihre Schuhe erst im Auto anziehen, obwohl wir noch mit dem Fahrstuhl bis in die Tiefgarage müssen. Aber mit dem Laufrad, das – na klar- auch ein Fahrrad ist, bis zum Auto und noch dreimal drum herum fahren. Zum Geburtstag nur das Lied „Happy Birthday”, weil das in der KiTa auch so gemacht wird. Mit Kerze auspusten und Wünsche wünschen, weil mit VIER das Wünschen natürlich noch hilft…

Wie sie klettert und ihren Eimer mit Sand füllt und schaukelt und Lego-Häuser baut und sich Zeit lässt mit allem. Und dann auf einmal auch ganz schnell sein kann. Um die Ecke, unter den Sträuchern hindurch, den Flur entlang. Vor allem, wenn der Papa zur Tür hereinkommt. So vollfreudig. (Dass einem dann wieder auffällt, wie selbstverständlich es für einen geworden ist, dass der Mäusepapa zur Tür hereinkommt, und wie sehr ich mich doch eigentlich auch freue, dass er da ist. Nur dass ich mich nicht traue, ihn so stürmisch zu empfangen, weil wir uns doch nun schon sooooo lange kennen). Das aufgeregt laute „Bist du wieda da?“, wenn ich von einem Termin nach Hause komme. Als lägen zwischen unserem Abschied nicht nur ein paar Stunden sondern Monate. Und kurz darauf die nüchterne Feststellung an die Oma gerichtet: „Mama wieda da, du kannst losgehen.“. Wie sie alle Namen aufzählt, wenn es darum geht, wer auch eine Mütze, ein Armband, ein Pflaster hat. Wie sie ihre Geschwister umarmt. Oder ihren Teddy. Oder ihre Puppe. Die sie ganz oft im Arm wiegt und für die sie La Le Lu singt. Nur diese drei Silben, immer wieder. Manchmal zusammen mit ihrer großen Schwester.

Wie wenig sie es mag, wenn ihre Geschwister sich streiten oder der Mäusepapa und ich uns zum Spaß ein wenig Kabbeln. Dann fließen schon mal Tränen und sie drückt sich in unsere Arme und wir müssen uns dann ganz schnell alle zusammen kuscheln. Wir fünf. So mit verknoteten Armen und die Köpfe ganz dicht beieinander, dass wir manchmal zusammenstoßen und dann muss sie pusten oder ich muss pusten und gleich nochmal. Bis alle „Auas“ weggepustet sind. Wieda dut? Ja?

Ihr Ganzversunkensein. Wenn sie zwischen ihrem Spielzeug sitzt oder mit ihrem Bruder oder ihrer Schwester im Wohnzimmer steht, alle im Kostüm. Und dann tanzen sie und drehen sich immer schneller und lachen und kreischen. Und die Minimaus lacht ihr Lachen mitten hinein in diesen Geschwisterkreis. Wie sie mit ihrem Bruder auf dem Boden sitzt. Beide mit Pinsel und Farben, sie mit ihrer Malschürze, und dann malt sie mit allen Farben, die die Palette hergibt. Später steht sie zusammen mit ihrem Bruder vor mir und ich muss mir die Kunstwerke genau ansehen und Fragen dazu stellen. Der Papa danach auch nochmal. Und anschließend werden die schönsten Bilder feierlich an die Küchenwand gepinnt und jedes der Bilder, das dort schon hängt, kann sie seinem Urheber zuordnen.

Und ihr „Neine leise“. Immer dann, wenn es mir doch mal zu laut wird – in der Kirche, in der Bahn, im Wartezimmer- und ich ihr erkläre, dass sie jetzt leise sein muss. Dann sagt sie es extra laut. Neine leise. Als wollte sie damit sagen: Ich bin eben auch hier und ich bin wie ich bin.

Manchmal ist sie ganz für sich. Einfach so. Mit ihrem Puppenbuggy und ihrem Baby durch den Flur spazieren gehend. Im Hier und Jetzt, ohne Zeitrechnung. Am Schönsten ist es, wenn die ganze Familie auch irgendwo in der Nähe ist. Mama da, Papa da, Alee da, Dada da, Oma da, Opa da. Und die Minimaus mittendrin in allem, in ihrer Minimaus-Welt.

Hachz, ich würde das alles so gerne für immer festhalten. Wie sie riecht, wie ihre Haare in der Sonne leuchten, und diese ganz bestimmten Bewegungen, die sie macht. Beim Gehen. Beim Herumwälzen. Beim Sauersein. Beim Fahrradfahren. Wie ihre Worte hüpfen. Wie sie sich bei mir ab und zu mal vergewissert „Weinst du nicht?“ (Weis du nich?) Weil sie mich einmal beim Weinen erwischt hat und bis dahin gar nicht gewusst hat, dass Mamas auch mal weinen. Und wie sie dann noch ergänzt: Alles dut? Ja? Dabei zieht sie die letzte Silbe eine Tonlage höher, dass daraus etwas ganz Fröhliches wird.  Nicht so schwermütig, wie ich mich fühle, wenn ich daran denke wie schnell die Zeit verfliegt und wie wenig ich sie aufhalten kann.

Oder die Umarmungen und Küsschen, die wir alle von ihr bekommen, sorgsam ausgewählt und nicht leichtfertig vergeben, aber wenn, dann mit viel Schmatz und viel Liebe. Auch für ihre Geschwister. Nun ja, sofern sie nicht gerade darum streiten, wer mit dem neuen Ball spielen darf oder wer zu viel Platz im Elternbett braucht oder wer in welches Buch mit hineinsehen darf. Aber meistens ist dann ganz schnell wieder Minimaus-Friede, der noch kein Nachtragen kennt und der sich kein bisschen mehr dafür interessiert, was gerade eben noch so ärgerlich war. Und wir bauen ihrem Baby ein Bettenlager. Und malen eine Sonne. Und klettern am Hochbett des großen Bruders bis nach ganz oben. Und singen ein bisschen. La Le Lu.

Ich werde mich daran erinnern, was sie mir alles gezeigt hat in den vergangenen vier Jahren. Mich selbst zu mögen, mein eigenes Tempo in den Dingen zu haben, mich so richtig zu freuen (und den Mäusepapa stürmischer zu begrüßen), zum Beispiel. Und Dinge ausprobieren. Manche nicht schaffen. Vielleicht beim nächsten Mal, vielleicht gar nicht und dafür etwas ganz anderes. Ist gar nicht schlimm. Auch Nein sagen. Sie kann das. So ganz selbstverständlich. Ohne Vorwurf oder Empörung. Einfach Nein eben. Manchmal auch NEIN! Weil „Das ist mir i bäh im Mund“, weil „Ich will losgehen“, weil „Ich bin Baby, oda?“, weil „dattig“ oder einfach Weil. Ganz ohne Grund. Minimaus-Logik, wie der Mäuserich sagt.

Manchmal, wenn ich Händchen haltend bei der Minimaus am Bett sitze und da gerade nicht sitzen will, weil der Mäusepapa das auch mal machen könnte, weil ich jetzt doch gerne mein Buch weiter lesen würde, weil ich mich auf meine heiße Dusche freue, weil ich mal nicht zuständig sein will… sehe ich die Minimaus mit ihrem Teddy im Arm und höre wie sie „Hand“ sagt. Dann kuschele ich mich in den Sessel neben ihrem Bett, lese doch noch eine Geschichte, halte noch etwas länger ihre Hand und döse zwischendurch kurz ein, bis ich wieder wach werde und dann schon fast enttäuscht bin, dass die Minimaus schläft und meine Hand gar nicht mehr braucht. Ich könnte jetzt also duschen gehen und mein Buch weiter lesen. Und weiß gar nicht, ob das überhaupt noch so dringend ist. Deshalb strubbele ich ihr noch einmal durch das Haar, kuschele meine Nase an ihre warme Wange und sage ihr, wie lieb ich sie habe. Ich sehe gleich auch noch mal nach ihren Geschwistern und dabei sehe ich dann UNS. Dass das eigentlich alles ist, was ich brauche. Dass ich in den letzten Jahren noch etwas gelernt habe: Weniger Pläne zu machen und viel mehr da zu sein, wo ich gerade bin. Weil mich das immer noch am glücklichsten macht.

Irgendwann werde ich der Minimaus erzählen, dass ich jeden Abend noch ein paar Mal in ihr Zimmer gegangen bin, wenn sie schon schläft. Ich öffne das Fenster, ich schließe es wieder, decke sie zu, rücke die Kissen zurecht, lege den Teddy zurück in ihren Arm. Und ich bilde mir ein, dass sie dadurch besser schläft und ich sie damit nicht nur in ihre Decke sondern auch in meine Liebe einwickele. Dass ich sie so richtig darin einmummele, rund herum, vom Kopf bis zu den Füßen. So wie ich auch den Mäuserich und die Maus einmummele. Ganz viel und immer wieder, damit das In-Liebe-eingemummelt-sein ganz, ganz lange vorhält. So sicherheitshalber und für alle Fälle. Und in Wahrheit hülle ich mich selbst ein. Fülle mich selber wieder auf. Jeden Tag. Ich freue mich auf das nächste Jahr mit Dir meine Minimaus. Happy Birthday und Kerze auspusten. Ich wünsche mir, dass wir alle zusammen Neine leise und ganz laut und fröhlich sind. Mit Schoscho. Und beijes.

Ganz viel.


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