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Promotion mit Kind? Fragen an Professor Hoeren – Interviewreihe #1

Heute starte ich meine neue Interview-Reihe, über die ich mich riesig freue. Seitdem ich mit meinem Projekt WENIGER VEREINBAREN. MEHR LEBEN begann, war da immer wieder der Gedanke, dass es toll wäre, auch andere zum Thema Frei(t)räume und Vereinbarkeit zu Worte kommen zu lassen. Schon weil ich allein niemals alle Fragen beantworten kann, die einem so im Kopf rumoren. Gerade wenn es um Herzenswünsche, eigene Ziele oder etwas ganz Neues geht, das endlich Realität werden soll.

Immer gibt es da auch eine Stimme in mir, die zweifelt. Die mich ganz streng fragt, was ich denn bitte als Mutter noch alles schaffen will und wie das denn so gehen soll, mit Kindern und Beruf und – naja  – eben alle dem. Dabei zeigt sie zuerst immer auf meine Wäscheberge, danach auf meinen Mann und meine Kinder und am Ende so vage in die Runde. Und ich denke dann sofort, mhm ja, vielleicht hat sie recht und ich sollte noch etwas abwarten. Oder dankbar sein für das, was ich schon habe. Mich auf meine Familie konzentrieren. Und überhaupt weiß ich ja gar nicht, ob das so eine gute Idee ist, was ich da noch so will von meinem Leben.

Würde ich nicht mit mir selbst sondern mit einer guten Freundin reden, wären meine Antworten ganz klar. Leider rede ich mit mir selbst selten so wie mit einer guten Freundin und deshalb fällt es mir manchmal schwer zu sagen, dass ich auf mein Bauchgefühl hören sollte, dass es richtig ist, solange es sich stimmig anfühlt, dass Herzenswünsche dazu da sind, umgesetzt zu werden, jetzt und in diesem Leben und mit den Kindern und nicht erst in 15 Jahren oder eben gar nicht mehr. Dass es so irre wichtig ist, sich Zeit für diese ganz persönliche Suche zu nehmen und dem Wünschen nachzugehen. Ganz einfach weil du nur so glücklich werden kannst.

Auch wenn du scheitern solltest, auch wenn es länger dauert als geplant, auch wenn am Ende etwas ganz anderes dabei herauskommt als erwartet. Weil eben dieser Spruch mit den Aufgaben, an denen du wächst, letztlich so wahr ist. Und weil dieses Herzgewünsche nichts anderes bedeutet, als dass du weiter wachsen willst. Weil du gar nicht anders kannst, wenn du dich wieder leicht fühlen willst. Weil auch das ein Teil von dir ist…na, weil eben…

Und deshalb frage ich in meiner Interviewreihe immer mal wieder kluge Menschen nach ihren Wünschen und nach ihrem Blick auf dieses Vereinbarkeitsdings. Und sie alle können etwas bereicherndes, ermutigendes, erklärendes oder beruhigendes dazu sagen, entweder weil sie selbst dieses Rumoren und Wünschen in sich kennen (und dem nachgegangen sind) oder weil sie mit den Herzenswünschen anderer Menschen zu tun haben.


 

Interviewreihe #1 – Professor Thomas Hoeren

Den Anfang macht heute mein Doktorvater – Prof. Dr. Thomas Hoeren. Er ist Professor für Informationsrecht und Leiter des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) der Universität Münster. Darüber hinaus war er 15 Jahre lang als Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf tätig.

Mein Doktorvater gehört zu eben jenen Menschen in meinem Leben, denen ich die Erfüllung eines Herzenswunsches verdanke. Ihn kennen gelernt zu haben, war ein großartiger Glücksfall. Ich hatte meinen Traum vom Promovieren zunächst für die erste Festanstellung nach dem Examen auf später verschoben. Aus später wurde vielleicht in ein paar Jahren nach dem Berufseinstieg, dann vielleicht nach dem ersten Stellenwechsel und danach vielleicht irgendwann.

Auf einmal waren 8 Jahre im Beruf vorbei, ich hatte inzwischen geheiratet und mein erstes Kind bekommen. Mein damaliger Lieblingsprofessor war längst schon im Ruhestand und er nahm keine neuen Promovenden mehr an. Aus meinen Vielleichts war ein das geht jetzt alles gar nicht mehr geworden. Doch dann besuchte ich gegen Ende der Elternzeit ein Seminar und lernte in einer Pause bei Kaffee und Kuchen Professor Hoeren kennen, ohne überhaupt zu wissen, wer er war.

Nach ein paar Recherchen war ich klüger. Ein paar Wochen und ein paar Endlosgespräche mit meinem Mann später fasste ich einen Entschluss. Ich bewarb mich als Promovendin – mit einem konkreten Themenvorschlag. Aber auch mit einem Kind, mit einer Festanstellung und mit 8 Jahren Abstand zu meiner letzten Forschungstätigkeit.

Nichts davon hat Professor Hoeren daran gehindert, mich als Promovendin anzunehmen. Obwohl promovierende Eltern ihm schon mal schlaflose Nächte bereiten. Wieso das so ist und was er Eltern rät, die von einer Promotion nicht nur träumen wollen, erzählte er mir im Interview.


Interview

1) Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass du Promotionswünschen von „nicht mehr so jungen“ Forschern trotz Berufstätigkeit und Familie aufgeschlossen gegenüberstehst. Wie ist deine Sicht als Doktorvater auf das Vorhaben (doch noch) zu promovieren, obwohl man als Mutter oder Vater schon mitten im Berufsleben steht?

Ich unterstütze in jedem Fall ein solches Projekt. Schon viele Doktoranden und Doktoranden haben neben Berufstätigkeit und Familie bei mir promoviert. Natürlich macht das Angst, bereitet Sorgen. Und auch die Zeit wird notwendigerweise schwieriger zu planen. Aber eine Promotion kann dauern. Als Doktorvater muss man da Geduld haben. Ich hatte eine Doktorandin, die neben der Familie und dem Beruf promoviert hat. Sie meldete sich einfach nicht und ich hatte sie fast schon abgeschrieben. Dann kam sie nach sieben Jahren und sagte: „erinnern Sie sich noch an mich? Hier ist die Arbeit!“ Und es war eine glänzende Arbeit, die in der Zwischenzeit in mehreren Auflagen erschienen ist.


2)
Hast du im Vergleich zu deinen jüngeren Doktoranden besondere Erfahrungen mit Doktoranden gemacht, die nebenberuflich und mit Familie promovieren?
Oder anders gefragt: Was hättest du gerne gewusst bevor du Mütter und Väter bei ihrem Forschungsprojekt begleitest?

Ich hätte gerne gewusst, was für Sachzwänge wirklich existieren. Als Doktorvater bin ich da für alles offen. Aber wenn mir jemand nicht erzählt, dass er in drei Monaten ein Kind erwartet, kann ich nicht reagieren. Ich versuche, jeden mit entsprechenden Erfahrungen zu ermuntern, seine Promotion anzufangen, und unterstütze ihn mit allem, was notwendig ist, damit die Arbeit auch beendet wird.


3) Was kann nach deiner Erfahrung helfen, wenn sich das Promotionsvorhaben für Eltern auf einmal als irrwitzige Idee anfühlt? Was gibst du deinen Promovenden mit auf den Weg?

Ich erzähle den Doktoranden immer von der gefährlichen Krankheit, die jeden Doktoranden befällt: die Promotionsdepression. Man fährt nach dem Gespräch mit dem Doktorvater nach Hause, alle sind begeistert ob des Anfangs. Dann aber legt sich die Begeisterung und niemand hört dem Doktoranden/der Doktorandin zu. Man sitzt alleine Zimmer, bekommt die Angst vor dem leeren Blatt Papier, alles was man schreibt kommt einem fade vor. Dann beginnen die Promotionsdepressionen. Und in dieser Zeit ermuntere ich alle, zu mir zu kommen – ob tagsüber oder nachts. Ich hatte schon Leute um 3:00 Uhr nachts vor meiner Haustür. Meine Frau kennt das schon, bereitet Tee oder Kaffee vor. Und dann wird geredet….


4) Und wie stehen die Chancen, als Mutter oder Vater eine Promotion tatsächlich zu einem (guten) Ende zu bringen?

Solange ein Doktorand mit dem Doktorvater spricht, geht alles gut. Die Chancen, eine Arbeit zu Ende zu bringen, ist dann sehr hoch. Schwierig wird es, wenn die Kommunikation abbricht.


5) Was Eltern besonders interessiert: Kannst du als Doktorvater durchschlafen oder halten dich deine Promovenden manchmal auch vom Schlafen ab?

Ich hatte schon mehrfach schlaflose Nächte. Zum einen aus persönlichen Gründen, weil ich mir Sorgen um den Doktoranden/die Doktorandin mache. Zum anderen, weil die bisherigen Texte so schlecht waren. Wenn mich ein Doktorand nicht versteht und wir dreimal seine Doktorarbeit durchsprechen (was selten vorkommt), dann mache ich mir Sorgen.


6) Ein Song, der deine Laune hebt?

Bitter sweet symphony von Verve.

 

7) Was gehört zu einem guten Tag?

Guter Schlaf und dadurch bedingt gute Laune.

 

8) Und zu einem guten Abend?

Meine Frau und ein gutes Glas Rotwein.

 

9) Welchen großen Traum würdest du dir selbst gerne noch einmal erfüllen? Und welcher Traum ist klitzeklein, würdest du aber ebenso wenig aufgeben wollen?

Einmal in Venedig auf einer der Inseln Ausgrabungen leiten. Und einmal wieder Gitarre spielen wie früher, als ich Jugendlicher war.

 


Tausend Dank für Deine Antworten, lieber Thomas!


 

 

Genieße den Tag / Martamam-Blog

 

P.S. Meinen persönlichen Erfahrungsbericht zum Promovieren mit Kind und Beruf findest du in meinem Beitrag „Promovieren mit Kind? Das Fazit zu einem Herzensprojekt!„.
Die Website vom ITM findest du auf den Internetseiten der WWU Münster.

P.P.S. Wenn du nicht nur rechtswissenschaftliche Aufsätze und Abhandlungen von Professor Thomas Hoeren lesen möchte, dann empfehle ich dir seine Juristischen Glossen und Kommentare – Hintersinniges aus dem Professorenleben. (LIT Verlag, Taschenbuch, € 19,90). Er berichtet unter anderem von seinen Erfahrungen als Doktorvater und aus seinem Wissenschaftsleben: Was sucht der Hund im Vorwort der Dissertation? Warum ist die Rechtswissenschaft manchmal keine Geisteswissenschaft? Was denken Professoren über die Berufswünsche ihrer Sprösslinge? Und warum taugt deutscher Rotwein nichts? Ich finde, diesen Fragen sollte man einmal (lesend) auf den Grund gehen. Zum Nachdenken und Lachen.

 

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3 Comments

  • Reply
    jongleurin
    24. Januar 2018 at 8:46

    Sehr interessant, vielen Dank für das Interview! Ich selber gehe gerade das Projekt „Vereinbarkeit und parteipolitisches Engagement“ an und bin schon sehr gespannt, wie das klappt. Und auf die nächsten Interviews hier…!

    • Reply
      Manuela
      24. Januar 2018 at 12:19

      Hallo, ich danke Dir. Das Thema Vereinbarkeit und politisches Engagement klingt auch sehr spannend. Vielleicht wäre das mal etwas für ein Interview, sobald du erste Erfahrungen gesammelt hast. 🙂 LG, Manuela

  • Reply
    Verlag mit Kind? Fragen an Rena von Rundfux - Interviewreihe #2 - Martamam
    15. März 2018 at 16:30

    […] ist Teil 2 meiner Interview-Reihe „Das irre Ding mit der […]

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