Familienleben
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Nachdenken über die Vereinbarkeit

Terminkalender©Jörg Lantelme - Fotolia.com

Mir ist es unglaublich schwer gefallen, meine Arbeitszeit vor ein paar Monaten auf 34 Wochenstunden zu reduzieren. Ich bin froh darüber, dass ich es getan habe, aber es hat mich Überwindung gekostet. Warum?

Ich denke, es hat mit meinem Selbstbild zu tun. Ich wollte immer schon eine unbekümmerte, entspannte, leicht egoistische, berufstätige und moderne Mutter sein, oder eben das, was ich dafür hielt. Ich habe daher Vollzeit gearbeitet, meine Promotion nebenberuflich abgeschlossen, in der Zwischenzeit auch das zweite Kind bekommen und mit meinem Mann alle Aufgaben geteilt. Im Unterschied zu meinem Bild im Kopf bin ich aber nicht unbekümmert und entspannt dabei und schon gar nicht vorrangig auf berufliche Verwirklichung aus. Ich liebe meinen Beruf und meine Kinder und nach ein paar Jahren Erfahrung mit der Vereinbarkeit von beidem hatte ich das Gefühl, das alles nicht mehr in der bisherigen Priorisierung und Gewichtung zu wollen. Ich war erschöpft, fand meinen Lebensstil zu einseitig und fühlt mich nur noch fremdbestimmt. Wie meine Work-Life-Balance zukünftig aussehen soll beschäftigt mich jetzt in der dritten Schwangerschaft auch noch einmal neu.

Aber was will ich und welche Art Mutter bin ich? Gibt es eine Balance zwischen allem, die mir persönlich besser entspricht als bisher? Passt ein drittes Kind überhaupt zu mir? Das habe ich mich auf einmal gefragt und auch bei den Frauen in meiner Familie nach Antworten gesucht.

Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen und meine Mutter hat immer gearbeitet, immer Vollzeit und immer gern. Sie fand meine Idee, die Stunden zu reduzieren wenig vorstellbar und ist der Ansicht, da müssten eben alle berufstätigen Mütter durch. Ich empfand es nach dem Gespräch mit ihr als persönliche Niederlage, etwas weniger arbeiten zu wollen. Meine Oma hat als Buchhalterin und nebenbei auf dem eigenen Hof gearbeitet. Ihr Kind wurde von der im selben Haushalt lebenden Großmutter betreut und mit 50 ging sie ausgelaugt in Frührente. In ihren Augen hat man als Frau und Mutter keine große Wahl. Meine Schwiegermutter war hingegen seit der Geburt ihrer Kinder damals nicht mehr berufstätig und konnte sich eine promovierende und berufstätige Mutter an der Seite ihres Sohnes nur schwer vorstellen. Da hatte ich auf einmal Sorge, meinen Kindern und meinem Mann nicht genug Mama und Ehefrau bieten zu können.

Ich bekomme auch das Gefühl, mit bald mehr als zwei Kindern besteht für meine Planungen erneuter Rechtfertigungsbedarf. Mein Chef meinte auf meine Ankündigung, nach der Elternzeit wieder arbeiten zu wollen, spontan: „Bei Dir möchte ich nicht Kind sein.“. Kolleginnen fragen mich, wie lange ich aussetzen werde und ob ich nach der Elternzeit mit drei! Kindern wieder arbeiten will: „Aber doch nicht mehr als 20 Stunden?“.

Ich lese über Mütter, die gerne einige Jahre für die Kinder zu Hause bleiben, über Mütter, die ganz gezielt Karriere machen und über Mütter, die arbeiten müssen aber viel lieber bei ihren Kindern wären. Und ich lese zum Glück auch über Mütter, die gerne arbeiten, diese Zeit außerhalb der Familie genießen und dann wieder gerne Zeit mit ihrer Familie verbringen.

Heute hatte ich ein Gespräch mit meiner Hebamme. Habe ich schon gesagt, dass ich sie liebe? Wenn sie über Familie und Beruf spricht, ist das alles so selbstverständlich, bedarf keinerlei Rechtfertigung und lässt keine Zweifel daran zu, dass es so richtig ist, wie ich es will. Sie hat immer ein Erlebnis aus ihrer beruflichen Laufbahn parat, in dem es um beruftstätige Mütter geht, die ihren ganz persönlichen Weg finden. Das tut gut.

Ich entdecke allmählich, dass es viele Wege gibt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu leben und dass ich zwischen den ganzen Möglichkeiten meine eigenen finden muss. Ich werde auch mit drei Kindern nicht aufhören zu arbeiten. Aber ich kann eine Weile meine Arbeitszeit reduzieren, meine Kinder ohne schlechtes Gewissen in Schule und Kita betreuen lassen, vielleicht noch einmal ein Zusatzstudium beginnen, mich nach der Arbeit auf meine Kinder freuen, mir mit meinem Mann alle Aufgaben teilen, auch mal die Wäsche liegen lassen und vor allem darf ich mein persönliches Lebensmodell selbstverständlich finden. DAS bin ich. Ich bin einfach ich als Mutter.

Wie sieht Eure persönliche Balance zwischen Leben, Arbeiten und Kindern aus? Ich freue mich, von Euch zu lesen.

 

 

0 Kommentare

  1. Ich habe einen Sohn (7J.) und nach einem Jahr daheim verschiedene Modelle durchprobiert:

    Die sog. „Papier-Teilzeit“, bei der nicht drin war, was draufstand: Mit Dienstreisen, Kongressen und tagesfüllenden Meetings war es schier unmöglich, (nur) die vereinbarten 25 Wochenstunden zu arbeiten. Und ehrlich: Es hat auch einfach zu viel Freude gemacht, alsdass ich freiwillig weniger als 40 Std. hätte arbeiten wollen! Aufgabe, Kollegen und Kunden waren einfach großartig, es war Leben drin, und es gab Perspektiven für meine persönliche Weiterentwicklung. Wieso hätte ich da brav den Stift fallen lassen sollen? Ne, keine Chance!

    Mein Sohn wurde damals betreut von einer Kinderfrau. Diese wollte nach einem Jahr kürzertreten und ich aufstocken. Passte irgendwie so gar nicht zusammen. Seitdem haben wir Aupairs. Und das ist für mich die perfekte Lösung der Vereinbarkeitsfrage! Weil mir die Aupairs auch das Leben neben Beruf und Kind ermöglichen. Und ja, ich gebe es zu: Auch wenn ich gerade keinen Kundentermin habe, sondern einfach nur mal in Ruhe in Mama-Blogs stöbern will, kümmert sich das Aupair um meinen Sohn.

    Und noch mal ja: Ich liebe meinen Job und mag einfach gern powern. Meine Mam hat’s mir vorgelebt: Sie war immer berufstätig, meine Schwester und ich „Schlüsselkinder“. Genutzt hat’s uns viel, geschadet wenig.

    Und auch meine Grossmutter war eine moderne Frau und (m)ein Rollenvorbild für mich: Als Krankenschwester hat sie die Arztpraxis ihres Mannes geschmissen, ihr Haushaltspersonal (Zugehfrau und Kindermädchen) geführt und ihre drei Töchter erzogen. Teilzeit arbeiten? War nicht ihr Ding. Ob sie eine gute Mutter war? Keine Ahnung. Ein gute Grossmutter war sie in jeden Fall! Wenn einer meiner Enkel jemals solches über mich sagte – wär’s nicht schon genug?

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