Aus unserem Familienleben Mehr lieben

Meine Angelegenheit, deine Angelegenheit und das Universum

Ich sitze in der S-Bahn. Ich fahre meinen täglichen Weg ins Büro, sehe die Leute etwas in ihre Handys tippen, höre leise Musik aus einem Kopfhörer. Irgendwo telefoniert jemand, der Mann neben mir schaut aus dem Fenster, schräg gegenüber hält sich ein junges Paar an den Händen.

Ich denke an den Morgen bei uns zu Hause. Wie wir Jacken und Schuhe zusammensuchen, schon halb in der Fahrstuhltür dem Mäuserich beim Schuhe anziehen zusehen (er kann das in Zeitlupe), dann noch schnell Taschentücher und einen Schnuller suchen, bei der Gelegenheit feststellen, dass die Maus ihre Federmappe hat liegen lassen, der Minimaus den Fahrradhelm dreimal neu aufsetzen bis es „gu“ ist und dann geht es endlich 4 Etagen hinunter in die Tiefgarage.

Mit dem Laufrad bis zum Auto (die Minimaus) und vor dem Einsteigen noch schnell eine große Runde laufen (der Mäuserich). Anschnallen, klären, wer das Tiefgaragentor heute öffnen darf, wieder den Schnuller suchen. Es folgt das kurze Stück bis zur S-Bahn und an der Bushaltestelle davor für mich ein kurzer Halt. Und die Erleichterung, dass der Bus noch nicht kommt, weil ich dann etwas Zeit habe für unser kleines Abschiedszeremoniell: der Minimaus beide Hände drücken (das gehört für sie neuerdings zum Tschüß sagen), dem Mäuserich kurz über die Wange streichen, meinem Mann einen Kuss geben. Die Autotür fällt zu, ich winke noch einmal und dann haben sie sich auch schon in den Berufsverkehr eingefädelt.

Noch 2 Stationen bis zum Aussteigen, meine Gedanken wandern und plötzlich spüre ich diesen kleinen Stich in mir. Warum hat mir mein Mann gestern Abend nicht sagen können, wann er wieder Zeit hat? So für uns als Paar? Ich denke an unser gestriges Gespräch und das fühlt sich jetzt blöd an.


Meine Angelegenheit

Immer dann, wenn mir etwas wichtig ist oder ich mir etwas Bestimmtes wünsche, suche ich mir einen Weg, um es in mein Leben zu holen. Solange es dabei nur um mich selbst geht, ist es einfach. Ich kann dafür sorgen, dass mir gemütlich warm ist, dass ich einen frischen Kaffee bekomme, dass ich Zeit finde für meine Lieblingsbeschäftigung, dass ich genügend schlafe, bequem sitze, mich spüre und mich ernst nehme. Wenn mich etwas stresst, kann ich es bemerken und ich kann mir darüber Gedanken machen, wie ich besser damit umgehe. Ich kann auch meditieren lernen und ich kann lernen, mich selbst zu akzeptieren. Mit all meinen Schwächen und Fehlern. Ich kann mir vornehmen bei mir sein. Das alles sind meine Angelegenheiten.

Als ich gestern abend meinen Mann darum bat, sich etwas Zeit für mich zu nehmen, da war ich ganz eindeutig in seinen Angelegenheiten. Denn wenn er das gerade nicht kann oder nicht will, dann kann ich zwar sauer sein oder schmollen oder ihn liebevoll umarmen. Ich kann sogar weinen oder ihm Vorwürfe machen. Ihm etwas Schönes in Aussicht stellen oder ihm ein schlechtes Gewissen machen und behaupten, er nehme sich mehr Zeit für seinen besten Freund als für mich. Und mich bei meiner besten Freundin über ihn beschweren, kann ich auch. Aber ob er sich am Ende mehr Zeit für mich nimmt, liegt immer noch allein bei ihm.

Und dann sind da noch die ganz dramatischen Dinge wie Schicksalsschläge, schlechtes Wetter oder Stürme. Das alles gehört in die Angelegenheiten des Universum oder Gottes oder wie auch immer wir es nennen wollen.

Byron Katie, die Begründerin der Methode „The Work“, hat es auf den Punkt gebracht: „In der ganzen Welt konnte ich nur drei Arten von Angelegenheiten finden: meine, deine und Gottes. (Für mich bedeutet das Wort Gott „Realität―. Die Realität ist Gott, weil sie regiert. Alles, was weder ich, noch du, noch ein anderer Mensch kontrollieren kann, nenne ich Gottes Angelegenheit).

Sie sagt auch, dass ein Großteil unseres Stresses daher rührt, dass wir mental außerhalb unserer Angelegenheiten leben.

Und Ina Rudolph beschreibt in ihrem Buch „Ich will mich ja selber lieben“ ganz anschaulich was passiert, wenn ich mich in den Angelegenheit anderer befinde: „Bei mir ist niemand zu Hause. Ich beschäftige mich in meinen Gedanken damit, was der andere sollte und was gut für ihn wäre. In dieser Zeit kümmere ich mich weder um meine geistige noch meine körperliche Gesundheit, und ich tue auch nichts, um meine finanzielle Lage zu verbessern oder beruflich voranzukommen. Ich lese kein gutes Buch, und spüre mich nicht. Ich beschäftige mich auch nicht mit meiner Liebesfähigkeit oder mit irgendetwas anderem, was in meiner Macht steht und was ich mir für mein Leben wünsche.


Deine Angelegenheit

Will ich etwas, dass ich nicht beeinflussen kann, bin ich hilflos. Wenn es mir irre wichtig ist, werden meine Gedanken unablässig darum kreisen, ich werde viel Energie darauf verwenden, darum kämpfen und immer wieder einem vielleicht sogar ausgeklügelten aber dennoch aussichtslosen Handlungsmuster folgen. Das ist als würde ich unablässig durch das Loch im Gartenzaun schauen und mich wundern, dass ich dadurch nicht in den Garten komme. Und letztlich werde ich darüber Wut oder Traurigkeit empfinden.

Wenn ich möchte, dass mein Mann mir zuhört, mir Blumen mitbringt, mich in ein tolles Restaurant ausführt oder mich einfach nur mal öfter in den Arm nimmt, dann kann ich mir das von ihm wünschen, aber ich kann nicht beeinflussen, ob er dazu bereit ist. Vielleicht verletzt mich sein Verhalten sogar, weil ich mich zurückgewiesen fühle und weil ich denke, dass er all das für mich tun sollte. Von sich aus. Aber ich bleibe immer noch davon abhängig, ob er einen Sinn dafür hat und gerne bereit ist, meinem Drehbuch zu folgen.

Wie sehr möchte er für mich da sein? Ist er egoistisch, wenn er mich mit meinen Wünschen nicht ernst nimmt? Liebt er mich überhaupt, wenn er etwas so grundlegend anders will als ich gerade?

Das alles sind Fragen, die schon mal in mir aufkommen, wenn meine Bedürfnisse und die meines Mannes gerade so gar nicht zusammen passen. Das führt ganz schnell auch zu Enttäuschungen. Selbst dann, wenn ich mir durchaus darüber klar bin, dass wir zwar Eltern und noch länger als das auch ein Paar, aber immer noch zwei eigenständige Menschen.

Ralf Giesen sagt deshalb auch, dass es das Beziehungsproblem nicht gibt, denn wir sind in einer Beziehung immer noch zwei Personen. Die möglicherweise jeder ein Problem haben. Aber selbst dann muss es noch nicht das selbe Problem sein und womöglich lässt es sich noch nicht einmal gemeinsam lösen (aus „Beziehungsprobleme gibt es nicht -Mit THE WORK zur glücklichen Partnerschaft“). Was schon wieder gut ist, denn dann habe ich eine Chance, auch ohne die Unterstützung meines Partners etwas zu verändern.

Also, wie war das noch mit den eigenen Angelegenheiten?

Ich kann meinen Mann nicht zwingen. Solange er keinen Kopf für mich hat, könnte ich das Zusammensein auch gar nicht genießen. Denn wenn ich von meinem Mann etwas erwarte, obwohl er das nicht geben kann, dann hat das wenig mit Liebe zu tun. Ich jedenfalls möchte die Liebe nicht so abhängig sehen.

Vor allem ist es anstrengend, ständig darauf zu warten und sein Verhalten immer wieder daraufhin zu überprüfen, ob da auch genug Liebe für mich drin ist. Dabei werde ich nur traurig und entferne mich von mir selbst. Das ist wenig lebendig. Das fühlt sich unfrei an.

Statt dessen kann ich es mir selbst so schön machen, wie es eben geht. Ich kann die frei verfügbare Zeit nutzen, um zu lesen, mir eine Kerze anzünden, Musik zu hören und der Frage nachzugehen, was ich jetzt gerade brauche. Ich kann mir selbst zuhören und liebevoll mit mir umgehen. Das Tolle daran ist, ich kann das jederzeit und immer wieder für mich tun. Ich brauche nicht meinen Mann dazu. Ich kann mir selbst gut tun und ich kann mich auch selbst verstehen, wenn es andere gerade nicht können.

Natürlich muss ich mich nicht verbiegen und es darf mir fehlen, dass wir keine Zeit zu zweit finden. Ja, ich bleibe sogar in meinen Angelegenheiten, wenn ich meinem Mann das auch sage. Und sollte es nicht nur eine Phase sein, kann ich mir sogar überlegen, wie lange ich es hinnehmen will, dass es mir fehlt. Dann müsste ich darüber nachdenken, wie tragfähig unsere Beziehung ist und ob nicht jemand anderes besser zu mir passt. Letzteres ist indes nur ein Gedankenspiel, das mir nicht gerade als erste Option einfallen würde, das mich trotzdem irgendwie erleichtert, denn sie zeigt mir das äußerste Ende meines Handlungsspielraums und dass ich nicht für immer und ewig auf diese Art der Nähe verzichten muss.


Das Universum

Während ich das alles schreibe, wird mir indes klar, dass meine Zweifel gar nicht so weit gehen. Im Gegenteil, ich bin der Ansicht, es hat nichts mit mir zu tun und schon gar nichts mit fehlender Liebe, dass die Prioritäten meines Mannes gerade woanders liegen. Und ich möchte ihn auch nicht dafür kritisieren, dass er sich gerade so verhält wie er sich verhält. Er hat seine Gründe und die möchte ich respektieren. Ich möchte auch nicht, dass er sich pausenlos dafür verantwortlich fühlt, dass es mir gut geht. Das würde unsere Liebe nur belasten. Das wäre für uns beide stressig.

Und irgendwie ist es ja auch schon wieder gut, dass sein Zeitplan im Moment so gar nicht meine Angelegenheit ist. Er ist mit etwas anderem beschäftigt. So ist es bei meinem Mann eben gerade.

Aber wie ist es denn bei mir gerade? Ich habe Zeit! Ich kann schreiben, ich kann in Ruhe etwas abarbeiten, ich kann etwas lesen, ich kann mich um die Maus kümmern, die gleich nach Hause kommt. Wir können in Ruhe einen Schokoladenmuffin essen und ich kann mir die Neuigkeiten aus der Schule anhören. Ich kann mich später auch noch von meiner Kosmetikerin verwöhnen lassen und mir Zeit für mich selbst nehmen. Und wenn meine Mutter die Minimaus und den Mäuserich von der KiTA nach Hause bringt, können wir noch gemütlich einen Kaffee zusammen trinken.

Ich kann mich auf das konzentrieren, was mir gut tut und meine Energie auf etwas Positives lenken. Das ist schön.

Und ich kann dass Universum bitten, eine Lösung für mich zu finden, vielleicht meinem Mann ein Signal zu senden und mir zu zeigen, dass ich vollständig bin, wie ich bin. Auch ohne Paarzeit. Genau, ich mache das jetzt auch zu einer Angelegenheit des Universums.

Oh ja, damit geht es mir ganz prima.

Das ist so herrlich stressfrei.


Welche Erfahrungen hast du gemacht? Was unternimmst du, wenn du etwas nicht beeinflussen oder ändern kannst? Gibt es eine Strategie, die dir dann hilft? Ich freue mich, mehr von dir zu lesen.

 

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P.S. Ina Rudolph ist Coach für „The Work“ und hat drei warmherzige und offene Bücher darüber geschrieben, wie sich diese Methode ganz persönlich auf ihr Leben ausgewirkt hat. Ich finde ihr Bücher sind das Schönste, was man zu „The Work“ und überhaupt dazu lesen kann, wie das Leben durch das Auflösen stressiger Glaubenssätze an Leichtigkeit und Freude gewinnt. (Das ist keine Werbung: Ich habe mir ihre Bücher selbst gekauft und schreibe darüber aus freien Stücken, einfach weil sie mich berührt haben).

 

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