Bücherstapel, Sachbuch
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Bücherstapel oder Joghurtkuchen und französische Pausen

Ich habe es wieder getan …  und einen Erziehungsratgeber gelesen. Und… es war toll …

Nein, ganz im Ernst. Ich habe ausnahmsweise nicht das aktuelle „Leitwölfe sein“ von Jesper Juul gelesen sondern ein etwas „älteres“ Buch von Pamela Druckerman (5. Auflage aus Februar 2013). Und jetzt weiß ich, „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“. Lach. Ich hatte ja schon einmal etwas über den französischen Erziehungsstil und über die Lebensweisheiten unserer europäischen Nachbarn zur Vereinbarkeit, zu berufstätigen Müttern und zur Kinderbetreuung  gelesen (bei Annika Joeres „Vive la famille“) und nun habe ich noch ein paar Erziehungsgeheimnisse à la francaise dazu gewonnen.

Für mich hat sich das Lesen  gelohnt und deshalb eröffne ich nach dem Ende meiner Stilllesungen eine neue „LeseEcke“.

Das Buch „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ von Pamela Druckerman ist das erste Buch in meiner LeseEcke. Es ist unter anderem deshalb so  interessant, weil die Autorin Amerikanerin ist und die französische Einstellung zum Kinderhaben und Familiesein überwiegend mit der amerikanischen vergleicht. So erhält man also auch diesbezüglich neue Einblicke. Ab und zu tauchen jedoch auch wir deutschen Mütter darin auf und es erstaunt mich ein ums andere Mal, dass wir den amerikanischen Müttern (sorry, hauptsächlich geht es um uns Mütter) gar nicht so unähnlich sind. Was ich allerdings auch wieder nicht so schmeichelhaft finde, denn mir gefällt die „coolere“ Art der Französinnen besser.

Pamela Druckerman schildert einen Erziehungs- und Lebensstil, der darauf ausgerichtet ist, den Kindern einen festen Rahmen und innerhalb dessen möglichst viele Freiheiten zu geben; der es auch den berufstätigen Müttern erlaubt, sich ein paar Freiräume zu gönnen und der den Alltag mit Kindern möglichst entspannt gestalten lässt. Es verwundert mich gar nicht, dass dies in Frankreich (jedenfalls in der Mittelschicht) zum „Tenor“ geworden ist, denn die Mütter arbeiten dort grundsätzlich und brauchen dafür viel gesellschaftliche Unterstützung (die sie bekommen). Aber auch Mütter, die aus Überzeugung zu Hause bleiben, würden sich Freiräume schaffen und die Angebote zur Kinderbetreuung schon recht früh nutzen. Französische Mütter seien überzeugt davon, dass es ihren Kindern mit anderen Kindern am besten gehe.

Manches, was die Autorin schildert, kann ich nicht restlos nachvollziehen und auch in Frankreich gilt natürlich, jedes Kind ist anders und jedes Elternpaar bringt eigene Wertevorstellungen und  Regeln mit. Das verkennt allerdings auch die Autorin nicht und so berichtet sie beispielhaft von vielen, vielen Elternpaaren. Deshalb lässt sich gut erkennen, dass die Regeln im französischen Familienalltag natürlich individuell „gestrickt“ sind, es in Frankreich jedoch feste einheitliche und deshalb auch ganz typische Grundsätze in der Erziehung gibt. Und diese kannte die Autorin aus ihrer Heimat so nicht.

Was mich beschäftigt hat, ist die im Buch sehr ausführlich geschilderte „la Pause“, mit der die Franzosen den Forderungen ihrer Kinder begegnen. Pamela Druckerman sei zunächst erstaunt darüber gewesen, dass sie mit französischen Eltern und ihren Kindern durchaus in Ruhe einen Kaffee trinken und sich dabei auch noch unterhalten könne. Die Kinder würden in der Zeit überwiegend friedlich miteinander spielen  wohingegen die Kaffeeverabredungen bei ihren amerikanischen Freundinnen grundsätzlich aus halben Sätzen, vielen Unterbrechungen und oft auch Streitigkeiten unter den Kindern bestanden hätten. Sie sei diesem Phänomen aus Interesse einmal nachgegangen und habe beobachtet, dass französische Eltern die Wünsche ihrer Kinder nicht so unmittelbar und automatisch bedienen, wie sie es in ihrer amerikanischen Heimat beobachtet habe.

Natürlich würden sich auch die französischen Eltern um das Wohl ihrer Kinder sorgen, aber wenn sich beispielsweise ein Baby nachts meldet, würden sie einen kleinen Moment lang abwarten, ob es sich nur im Schlaf gemeldet hat, ob es sich gleich wieder selbst beruhigt oder ob es tatsächlich wach ist und etwas braucht. Bei älteren Kindern werde diese „Pause“ zum Beispiel angewandt, wenn die Kinder etwas haben wollen. Dann würden die französischen Eltern freundlich darum bitten, einen Moment zu warten und erst dann reagieren. Druckerman sei diese „verzögerte“ Reaktion auf die Kinderwünsche bei allen französischen Eltern aufgefallen, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst seien. In Frankreich sei man der Ansicht, Kinder müssten das Warten schritt(chen)weise erlernen und sich selbst beschäftigen können. Das könnten je nach Alter des Kindes nur ein paar Sekunden oder mehrere Minuten sein. Nur geduldige Kinder seien in der Lage, all das zu genießen und aufzunehmen, was das Leben ihnen biete. Auf die Forderungen der Kinder müsse man also altersgerecht aber nicht immer sofort reagieren. Unter dieser Prämisse sei der französische Familienalltag durchzogen von vielen, kleinen Geduldsübungen.

Dazu gehöre auch der sogenannte „Joghurtkuchen“ oder „Becherkuchen“, der in den französischen Familien von den Kindern gebacken werde. Die Zutaten sind simpel, die Füllung des Kuchens variabel und die Mengenangaben in Becheranzahl (je 150g Joghurtbecher) angegeben, so dass die Kinder das schon früh alleine zusammenrühren können. Das Abmessen fördere die Konzentration und ein wenig Geduld bedürfe es dafür auch. Der Kuchen werde wie die süße Zwischenmahlzeit „goûter“ in Frankreich generell erst um 16.00 Uhr gereicht. Auch das wieder eine kleine Geduldsprobe.

Dieses und auch andere Rezepte liefert Pamela Druckerman in ihrem Buch gleich mit. Obwohl ich nicht gerne backe, haben wir den Joghurtkuchen am letzten Wochenende einmal ausprobiert. Der Mäuserich hatte kein Interesse, aber die Maus war begeistert, dass sie auch alleine backen kann. Das Ergebnis war sehr lecker! Es ist (leider) nichts übrig geblieben, denn obwohl die Minimaus ihn nicht mochte, haben der Mäuserich und auch die Nachbarskinder freudig mitgegessen.

Pamela Druckerman schildert noch andere Details aus dem französischen Familienalltag. Viele davon finde ich erfrischend und sinnvoll, denn sie machen das Leben mit Kindern leichter und uns Eltern entspannter. Nicht umsonst schätzen die Franzosen den Familienalltag weniger stressig ein als wir es tun. Wer ein schlechtes Gewissen hat, weil er seinen Kindern wegen der Berufstätigkeit nicht den ganzen Tag zur Verfügung stehen kann oder wer sich Gedanken darum macht, ob sein Kind mit der Geburt eines  Geschwisterkindes leiden könnte oder wer sich mehr Freiräume wünscht, sich diese aus Sorge um das Wohlergehen seiner Kinder jedoch nicht gestattet, wird viele interessante Denkanstöße finden.

Natürlich ist nicht alles neu und natürlich erkenne ich unseren Alltag auch teilweise darin wieder, denn als (berufstätige) dreifache Eltern machen wir inzwischen einiges ganz ähnlich. Seitdem wir das zweite Kind haben, ist es uns schon rein praktisch nicht mehr  möglich, allen Wünschen und Forderungen unmittelbar nachzukommen. Und mit der Geburt der Minimaus haben sich Aussagen wie “ Warte bitte“ und „Gleich“ oder auch „Einen Moment noch“ in unserem Wortschatz potenziert. Die Minimaus geht meistens vor oder sie muss sich kurz gedulden, solange wir den Mäuserich anziehen oder der Maus eine Frage beantworten. Der Mäuserich und die Maus müssen regelmäßig ein paar Minuten länger darauf warten, dass ihnen beim Basteln geholfen,  die Jacke angezogen oder ein Brot geschmiert wird. Unsere Standardaussage ist derzeit: „Versuch es noch mal alleine oder warte einen Moment, dann bin ich da.“. Weil ich arbeiten will und muss, sind meine Kinder auch schon früh außerhäusig betreut worden. Auch die Minimaus ist seit dem 11. Lebensmonat in der Kita und manchmal weiß ich nicht, ob das so eine gute Idee war. Sie ist als „Winterkind“ öfter erkältet als es Maus und Mäuserich mit ihrem Kitastart im Frühling damals waren. Ein Kollege meines Mannes war zudem sehr erstaunt als der Mäusepapa ihm neulich berichtete, dass ich mit 34 Wochenstunden schon längst wieder arbeite. Der Kollege hat auch drei Kinder und seine Frau ist mit dem ersten Kind aus dem Beruf ausgestiegen.

Gelegenheit für ein schlechtes Gewissen habe ich also öfter Mal und da kommen mir die französischen Mütter gerade recht. Sie kennen nach Erfahrung von Pamela Druckerman das schlechte Gewissen genauso. Sie seien aber nicht der Ansicht, dass es als sachlicher Anhaltspunkt dafür herangezogen werden könne, etwas falsch zu machen. Im Gegenteil, sie würden diesem Gefühl gelassen begegnen und seien der Ansicht, dass es ihren Kindern unter den französischen Rahmenbedingungen von Kita, Vorschule, elterlicher Berufstätigkeit und französischen Erziehungsgrundsätzen sehr gut gehe. Vor allem seien sie der Überzeugung, dass ihr schlechtes Gewissen ihrer Berufstätigkeit und dem Wohl der Kinder! nicht entgegenstehen dürfe. Sie gehen davon aus, dass den Kindern zu viel Nähe zu den Müttern genauso schaden könne (in Frankreich gibt es das Schimpfwort der „Gluckenmutter“) wie zu wenig Nähe.

Der gesellschaftliche Konsens unterstützt die Mütter vor allem darin, sich Freiräume zu erlauben. Und ganz ehrlich, vieles von dem, was die Autorin schildert, gibt dem Recht. Die französischen Kinder wirken nach ihrer Ansicht oft zufriedener und ausgeglichener als ihr eigenes Kind und als die Kinder ihrer amerikanischen Freundinnen. Und französische Eltern seien viel entspannter und weniger neurotisch als der Rest der Welt. Na dann…

Also, wer Lust auf einen elterlichen Erfahrungsbericht aus Paris hat, dem kann ich das Buch sehr empfehlen. Ich hätte es gerne früher gelesen, aber besser spät als nie.  

(Das Foto ist vom Randomhouse-Verlag.)

8 Kommentare

  1. Das habe ich auch vor zwei Jahren gelesen und fand es wirklich toll und vor allem lustig geschrieben… ich sollte es dringend mal wieder zur Hand nehmen ;)…

  2. Ach weist Du, ich glaub der Druck in Frankreich auf Frauen ist mindestens genauso hoch wie in Deutschland, vielleicht sogar höher. Und der auf Kinder hier ganz sicher. Ich sag nur 34 Dreijährige in der ecole maternelle und eine maitresse…Das Gras hier ist kein bisschen grüner, auch wenn das in Deutschland keiner hören will.

    • Da magst Du recht haben. Mir tut es nur immer gut zu lesen, dass die Kinderbetreuung und arbeitende Mütter offensichtlich keine ganze Nation in die Depression getrieben haben sondern es in Frankreich (und auch in anderen europäischen Ländern) jetzt eine Elterngeneration gibt, die selbst unter diesen Rahmenbedingungen (Betreuung, berufstätige Eltern) aufgewachsen sind und alles in allem deswegen nicht unglücklich zu sein scheinen… Das zeigt mir, man kann manches durchaus entspannter sehen als man manchmal denkt. LG

  3. Ps: Als Vorbilder taugen dann doch eher die skandinavischen Länder, da haben zwei Freundinnen von mir hingeheiratet. In Norwegen gibt es tatsächlich keine meetings am späten Nachmittag wegen Kinderabholen…

    • Okay, das wusste ich nicht. Das mit den Antidepressiva meine ich. Aber gut, dann Skandinavien und ein bißchen die Franzosen. 🙂 Ich denke ohnehin, dass man vieles für sich und seine Familie ausprobieren muss. Mit ist nur immer die Einstellung so fern, man könne seine Kinder nur glücklich aufwachsen lassen, in dem man sich möglichst weit selbst aufgibt. Ich bin deshalb für alle dankbar, die mir zeigen können, wie es auch anders geht. Lieben Gruß 🙂

  4. Pingback: LeseEcke oder Was französische Eltern besser machen – martamam

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