Beruf, Das Vereinbaren vereinfachen
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Konfettitage, Strickjackentage und das Grundrauschen in deinem Leben

Heute ist ein Konfettitag, denn ich sitze am Schreibtisch im Büro meines Mannes. Ganz allein. Ich liebe das. Ich darf jetzt vier Stunden lang das tun, was ich auch noch gerne mache. Ich arbeite an meinem Blog. Das heute ist mein persönliches Konfetti im Alltag.

Mein Mann ist mit den Kindern zu Hause, wahrscheinlich stellen sie gerade gemeinsam das Spielzimmer auf den Kopf. Ich habe mir auf dem Weg hierher einen Kaffee geholt, den trinke ich jetzt und sehe dabei aus dem Fenster. Drei Atemzüge lang. Nursodasein. Vor dem Fenster parkt ein Auto aus und drei wollen einparken. Ein Zug ist gerade angekommen. Mehrere Rollkoffer klackern über das Pflaster und irgendwo hinter den Altbauten am Ende der Straße erahne ich den Hafen und die Elbe.

Das macht mich total glücklich.

„DIE LEBENSZUFRIEDENHEIT LÄSST SICH AM LEICHTESTEN DADURCH STEIGERN, DASS MAN SEINE VERFÜGBARE ZEIT BESSER NUTZT. KÖNNEN SIE MEHR ZEIT FÜR DINGE ERÜBRIGEN, DIE IHNEN SPASS MACHEN?“
– Daniel Kahnemann

Bei Daniel Kahnemann habe ich neulich gelesen, warum es mir so gut damit geht. Es hat mit dem erlebten Wohlbefinden zu tun. Glücklich sind wir nach seiner Definition dann, wenn wir die meiste Zeit mit Aktivitäten verbringen, die wir lieber fortsetzen als beenden würden, wenig Zeit in Situationen, denen wir gern entfliehen würden, und – sehr wichtig, denn das Leben ist kurz – nicht zu viel Zeit in einem neutralen Zustand, in dem uns mehr oder minder alles egal wäre (aus Schnelles Denken, Langsames Denken).

Genauso geht es mir mit dem Schreiben. Davon will ich mehr in meinem Leben.

Und gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich in mir den Gedanken habe, dass mich das hier jetzt nicht glücklicher machen sollte als die Zeit mit meinen Kindern. Die Zeit, die wir an einem Wochenende gemeinsam verbringen sollten. Und zwar das ganze Wochenende. Schließlich haben wir davon in der Woche nie genug, denn wir arbeiten, wir lernen, wir werden gefördert und gefordert, wir bereiten Meetings vor, wir waschen Wäsche, wir singen, tanzen, schlafen.

Die  gemeinsame Zeit ist rar.

Und trotzdem will ich jetzt in diesem Moment nirgendwo anders sein als in diesem Büro hier.

Ich Rabenmutter.

Warum ich das nun wieder denke, ist mir genauso klar. Das ist das, was ich in meiner Kindheit und Jugend gelernt habe. Ich lernte, dass Kinder zu ihren Müttern gehören, dass ich als Mutter alles um meine Kinder herum zu planen habe, dass nur die Dinge zählen, die mit etwas Vernünftigem wie dem Lebensunterhalt und der Kindererziehung zu tun haben, dass Kinder nur deshalb in den Kindergarten gehen, weil es wirklich, wirklich nicht anders geht, dass Frauen es schwerer haben als Männer, dass Frauen am Verhalten ihrer Männer nie etwas ändern können, dass zum Geburtstag ein Torte gehört, dass Basteln Spaß macht, Kochen eine Pflicht ist und zum Nachmittagskaffee auch Kuchen gehört.

Natürlich lernte ich auch, immer ehrlich zu sein. Menschen freundlich zu behandeln. Respektvoll und mit Achtung. Aber auch mit Misstrauen. Ich begriff, dass Liebe, Freunde und Familie etwas wirklich Großes sind. Und dass nicht alles ist, wie es scheint. Ich erfuhr, dass sich das Leben nicht nur um mich dreht und freier geht es eben nicht.

Die Naturgesetze meiner Kindheit waren gewaltig.
Sie waren das Grundrauschen in meinem Leben.

Ich habe ganz schön lange gebraucht um zu erkennen, dass diese Das geht doch nicht- Seite in mir Teil meiner Prägung ist. Dass es sich dabei keineswegs um Naturgesetze handelt. Dass es nur bei uns so war und dass ich meine eigenen Vorgaben und Ansichten zum Leben haben darf. Ich darf also auch Zeiten genießen, die meine Kinder nicht mit mir teilen, und ich darf das tun, was ich gerne tue.

„YOU CAN CHOOSE, WHAT YOU DO, BUT YOU CAN´T CHOOSE, WHAT YOU LIKE TO DO.”
– Gretchen Rubin

Das heißt nicht, dass ich die Zeiten mit meinen Kindern nicht mag. Ich liebe diese Jeans- und Strickjackentage genauso….Lachen, Maulen, Spielen, Kuscheln, zwischendurch die Nerven verlieren, sich verzeihen, zusammen sein, da sein, eben auch glücklich sein.

Es gehört beides zu mir und ich habe den Luxus mich entscheiden zu können. Ich habe Zeiten mit meinen Kindern, ich habe Zeiten in meinem Büro und ich habe Zeiten, in denen ich meins machen kann.

Dafür verzichte ich auf so manch anderes: Auch auf Dinge, mit denen meine Freunde ganz selbstverständlich ihre To do – Listen füllen. Ich streiche meine Liste bewusst zusammen. Wahrscheinlich findet mich so manch einer dafür doof, aber es verschafft mir Freiraum.

Natürlich höre ich ganz oft den Satz, so einfach ist das aber nicht. Wie kannst du sagen, es ginge nur um das, was wichtig ist? Wo bleibt denn da die Verantwortung für die Familie?

Ich sehe das natürlich. Ich selbst habe Dinge, die ich nicht (mehr) anders machen kann. Der Rahmen ist gesetzt und auch das Geldverdienen gehört dazu. Das ist essentiell für unsere Lebensqualität.

Damit gehört es aber auch schon wieder zu dem, was mir wichtig ist.

Und immer noch behaupte ich:

Wir dürfen uns dafür entscheiden das zu tun, was für uns zählt.

Entweder weil es unsere Lebensgrundlage schafft, weil es uns glücklich macht oder weil es unseren Werten entspricht. Es geht darum, sich seiner Prioritäten bewusst zu werden, denn sie lenken unser Leben in eine bestimmte Richtung.

Und diese Richtung sollten wir zumindest kennen.

Das muss noch nicht einmal zu großartigen, neuen Vorhaben führen. Solche lebensverändernden, Frei und ungebunden Pläne habe ich selbst auch nicht. Das wäre bei mir mit Anfang 40 auch unrealistisch, denn manche Weichen habe ich schon vor Jahren gestellt, z.B. dass ich Familie habe und einen Beruf, dem ich nachgehe.

Und noch mehr als das ist mir klar, dass sich nicht alles kontrollieren lässt. Oft ist da nur das Wissen, dass eine schwierige Phase vorübergeht und ich jetzt irgendwie damit umgehen muss.

Aber, und jetzt komme ich zum Kern:

Es gibt immer mehr Optionen als wir im ersten Moment sehen können. Damit meine ich die vielen versteckten Wahlmöglichkeiten, die kleinen Alltagsentscheidungen.

Möchtest Du mehr Inspiration in deinem Leben?

Möchtest du mehr Spaß haben?

Möchtest du nein sagen, wenn dir danach ist?

Möchtest du eine kürzere To-do-Liste?

Möchtest du mehr “ich will” statt “ich muss” in deinem Alltag?

Möchtest Du einen Tag frei von deiner Arbeit (oder auch von deinen Kindern!)?

Möchtest du öfter um Unterstützung bitten, wenn du Hilfe benötigst?

Möchtest du einfach mal ausschlafen?

Möchtest du dich besser kennen lernen und herausfinden, was dir wirklich wichtig ist?

Möchtest du mehr Zeit und Raum für:  deinen Mann, deine Kinder, deinen Beruf, deine Gesundheit, deine Freunde oder deine Seele?

Oder etwas kleiner wie z.B. Nutze ich die halbe Stunde jetzt für mich?
Setze ich mich eine Atempause lang in den Coffeeshop und gucke aus dem Fenster?
Gehe ich einen kleinen Umweg nach Hause oder lasse ich die Kinder von meinem Mann/der Oma/dem Babysitter abholen?
Fahre ich bis zur Endstation mit der S-Bahn, um das Buch zu Ende zu lesen?
Gehe ich einen Abend in der Woche zum Yoga?

Oder noch kleiner: Gehe ich in der Mittagspause einen Kaffee holen und dabei kurz in den Park?

 

SELBSFÜRSORGE ERZEUGT EIN POSITIVES GRUNDRAUSCHEN IN DEINEM LEBEN. ES LENKT DEINE ENTSCHEIDUNGEN IM KLEINEN WIE IM GROSSEN.

Das alles sind kleine Stellschrauben, in die eines Tages größere Zahnräder greifen werden. Weil sie durchaus etwas ausmachen, weil es dabei um dich geht. Mit diesen Micro-Entscheidungen schnürst du ein noch viel größeres Paket. Dein eigenes Wohlfühlpaket. Denn alles hängt zusammen.

Also, auch wenn du manche Dinge in deinem Leben nicht (mehr) ändern kannst, nimm dir die Zeit, um darüber nachzudenken, ob das vielleicht deshalb so ist, weil du die Entscheidung dafür schon längst getroffen hast. Weil sie dich ausmachen, weil du sonst nicht da wärst, wo du jetzt bist und weil sie Teil deines Weges sind.

Und danach ist es an der Zeit, dir zu überlegen, welche Veränderungen dir gut tun würden. Verändere das Grundrauschen.

Wenn Du beispielsweise das Gefühl hast, du solltest mitten am Tag kein Schaumbad nehmen, dann sage dir, ich brauche jetzt Zeit für mich. Und danach habe ich wieder mehr Energie für alles andere. Ein Schaumbad=mehr Produktivität.

Wenn du denkst, du solltest lieber nicht mehr zu deiner wöchentlichen Yoga-Stunde gehen und statt dessen die Zeit nutzen, um die Kinder ins Bett zu bringen, weil es abends ohnehin immer drunter und drüber geht und deine Kinder dich gerade dann besonders brauchen. Dann überlege dir, ob die Yoga-Stunde dich nicht ausgeglichener macht und das Abendritual mit den Kindern dadurch sogar entspannter verläuft. Weil du dich selbst besser fühlst oder weil die Kinder spüren, dass es dir gut geht. Ersetze im Kopf: Extra-Zeit für Yoga=mehr Gelassenheit zu Hause.

Vielleicht hast du sogar schon einmal darüber nachgedacht, deine Zeit nicht mit so etwas Unsinnigem wie Zeitschriften lesen oder einer Tasse Kaffee auf dem Balkon zu verschwenden sondern statt dessen schneller deine To-do Listen abzuarbeiten. Die neue Gleichung heißt: Mehr Zeit für scheinbar Unsinniges= mehr Energie.

Oder du traust dich nicht, das herbeigesehnte Wochenendseminar zu buchen, weil deine Kinder dann ein oder zwei Tage auf dich verzichten müssten. Sage dir, dass die fehlende Zeit für deine Kinder bedeutet, dass du eigene Ziele und Träume hast, und dass es im Leben auch darum gehen darf, sich diese selbst zu erfüllen. Mit dieser Einstellung fühlen sich sogar stressige Tage freier und leichter an. Und deine Kinder leben es dir eines Tages nach.

 

Und jetzt Du. Schreibe mir:

In welchen Momenten holen dich deine Schuldgefühle ein? Und wie kannst du mehr für dich tun und es gleichzeitig als Teil des Grundrauschens sehen?

 

 

 

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