Das Vereinbaren vereinfachen Mehr sein

„Stille“ Mütter brauchen ruhige Nischen

Elbe Segelboot

Ein paar Jahre, nachdem ich Mutter geworden war, musste ich mit einer gewissen Überraschung feststellen, dass ich nach meinen Wochenenden ganz in Familie erst wieder im Büro durchatmete. Feiertage und verlängerte Wochenenden lösten auch Fluchtgedanken in mir aus. Homeofficetage machten mich nur dann wirklich zufrieden, wenn ich wirklich, wirklich allein zu Hause war. Und dieses „Genießt es, dass ihr mal Zeit für die Kinder habt“ stellte ich mir nur halb so schön vor wie es meine Freundinnen taten.

Als meine Kinder sich zu verabreden begannen oder auf Geburtstage eingeladen wurden, bei denen sie (noch) nicht alleine bleiben wollten. Als immer mehr Termine und soziale Kontakte in mein Leben drängten, die mit meinen Kindern zu tun hatten und die ich mir nicht ausgesucht hatte. Als ich nahezu nie mehr alleine war, bekam ich einmal mehr in meinem Leben das Gefühl, etwas stimmt nicht mit mir.

Wenn ich es hätte visualisieren sollen, dann hätte mein Familienalltag ausgesehen wie eines von diesen Labyrinthen, die der Mäuserich so gerne zeichnete: Ein endloses Konstrukt aus Netzen und Linien, ein paar Pfade, die nirgendwohin führten, manche nicht wirklich sichtbar, alles ein wenig verworren, einschließlich Gehen und Denken im Kreis…

Warum nur fühlte sich das Muttersein für mich so, na eben so an?

Schließlich hatte ich mir dieses Familienleben ausgesucht. Ich hatte Kinder bekommen, weil ich es wollte. Ich liebte dieses WIR und doch spürte ich zunehmend, dass mich der Familienalltag eine Art von Kraft kostete, die ich phasenweise nicht hatte.

Wenn ich es genauer bedachte, sehnte ich mich danach allein zu sein, nicht mehr ansprechbar zu sein und trotz der Grenzenlosigkeit dieser Liebe zu meinen Kindern wesentlich mehr Grenzen zu setzen.


Introversion

Schon als Kind und Jugendliche war es für mich ein Abenteuer, lange unter Menschen zu sein. Zu diesen „Abenteuern“ gehörte es, vor anderen eine Rede zu halten, auf Partys zu gehen, eine Mannschaftssportart auszuüben, zu einer größeren Clique zu gehören, keinen menschenleeren Raum zu haben.

Das hat sich auch mit dem Muttersein nicht geändert. Ich verbringe noch heute meine Zeit viel lieber in kleinen Gruppen oder führe mit Vorliebe intensive Gespräch mit nur einem Menschen statt Small Talk mit vielen. Ich schreibe lieber als dass ich rede, ich arbeite sehr gerne allein, ich kann mich alleine auch besser konzentrieren. Selbst auf langen Autofahrten höre ich ungern Musik und nach Ausflügen mit Familie und Freunden fühle ich mich selbst dann erschöpft, wenn es schön war und Spaß gemacht hat.

Ich verbringe gerne viel Zeit alleine zu Hause und bin selten risikofreudig. Ich langweile mich in Phasen der Stille und Konzentration niemals, überlege erst bevor ich rede, fühle mich im Mittelpunkt nicht besonders wohl und bevorzuge unverplante Wochenenden statt Wochenenden voller Vorhaben. Über Einladungen zu Geburtstagen etc. freue ich mich,  möchte aber meistens auch früher wieder gehen als andere. Ich hatte nie einen großen Freundeskreis, aber pflege sehr wohl tiefgreifende und wunderbare Freundschaften. Natürlich bin ich auch gerne unter Leuten, aber viel lieber bin ich allein.


Still

Etwas ähnliches las ich dann vor ein paar Monaten im Buch „Still“ von Susan Cain. Es befasst sich sehr ausführlich mit den introvertierten Wesenszügen eines Menschen und plötzlich wurde mir manches klar. Nicht, dass mir mein introvertiertes Verhalten nicht vorher schon aufgefallen wäre.

Aber jetzt erst stellte ich einen bewussten Zusammenhang zwischen der Introversion und dem Muttersein her:

Seitdem wir diese fünfköpfige Familie sind, stimmt mein Umfeld sehr viel weniger mit mir überein als es noch vor ein paar Jahren (unverheiratet und kinderlos) der Fall war.

Für mich gibt es sehr wohl eine Überdosis an Nähe und Familie. Ich weiß inzwischen, dass ich mehr Rückzugsmöglichkeiten benötige als es mir mit Kindern machbar erscheint. Dass ich nicht gut funktioniere, wenn da dieser Anspruch besteht, für alle und alles da zu sein. Dass ich nicht gerne permanent interagiere und dass es mich anstrengt, drei Kindern unablässig Fragen zu beantworten anstatt am Ende eines Arbeitstages meinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Ich vermisse es, Auszeiten und Pausen nach meinem natürlichen Bedürfniss gestalten zu können.

Die Dramatik des Familienlebens  ergreift dann schon mal ungewollt Besitz von mir und wenn Wirbel und Aufregung um mich herum herrschen, würde ich am liebsten die Tür hinter mir schließen und ein Buch lesen.

Keine Frage, ich habe in all den Jahren als Mama viel gelernt. Ich habe meine Komfortzone erweitert, kann inzwischen vor mehr als 5 Leuten einen Vortrag halten, habe zwischen Elternabenden, Kindergeburtstagen und dem beruflichen Spagat immer wieder mal meine Grenzen überschritten, dabei eine gewisse Routine entwickelt und mich selbst besser kennen gelernt.

Es hat allerdings nochmal so lange gedauert, bis ich mich selbst gut genug kannte, um zu verstehen, wie wichtig es für mich ist, meinen Interessen und Instinkten zu folgen.

So richtig begreife ich das erst jetzt.

Ich bin wie ich bin.


ICH sein

Inzwischen habe ich erkannt, dass ich meine Kinder manchmal besser sehe, wenn sie nicht da sind, weil ich dann in Ruhe über sie nachdenken kann. Dass meine unabhängige, introvertierte Art auch Vorteile hat, weil ich mich zum Beispiel irre lange auf etwas konzentrieren kann. Susan Cain schreibt in ihrem „Manifest für Introvertierte“ so schön, dass ein ruhiges Temperament eine verborgene Kraft ist und dass die meisten gute Ideen in der Einsamkeit entstehen. „Du musst kein Chearleader sein, um andere zu führen.“ Sie weist in ihrem Buch darauf hin, dass auch introvertierte Menschen ins Schweinwerferlicht treten und Dinge tun können, die sehr wenig mit Stille und innerem Rückzug zu tun haben. Doch danach sollten sie wieder sie selbst sein dürfen.

Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich mich bis zu einem gewissen Grad anpassen kann, um meinen Kindern, meinem Beruf oder auch meinen Zielen gerecht zu werden.

Aber meine stärkste Kraftquelle ist immer noch das Alleinsein.

 

 

Die Organisation von Geburtstagen, Übernachtungspartys oder Spielenachmittagen fordert mich durchaus heraus. Dennoch gibt es sie und wir fahren auch – selten zwar aber immerhin – mit anderen Familien in den Urlaub. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn meine Kinder an vielen Aktivitäten teilnehmen wollen, viel zu erzählen haben und gerne Freunde treffen.

Sie fordern das für sich ganz selbstverständlich ein. Und zeigen mir damit auch, dass ein Teil ihres Glücks darin besteht, sie selbst zu sein.

Das ist etwas, was ich für mich erst in den letzten Jahren gelernt habe: dass es in Ordnung ist, ruhiger zu sein, in Gedanken zu sein, immer wieder die Stille zu suchen, auch mal die Straßenseite zu wechseln, um Zeit für mich zu haben und Small Talk zu umgehen, in meiner freien Zeit nur lesen zu wollen, meine Sportart danach auszusuchen, ob ich dabei allein sein kann, an Aufgaben ruhig heranzugehen, nicht immer das Bedürfnis zu haben, etwas beizutragen, lieber zuzuhören als zu reden, dem Familienleben öfter als andere entkommen zu wollen, meinen Kindern vieles aber nicht alles geben zu können.


Nischen

Vor allem kann ich mich selbst inzwischen besser annehmen. Ich kommuniziere klarer, was ich möchte und achte mehr darauf, dass die gemeinsame Zeit mit meiner Familie auch für mich stimmig ist.

Bin ich erschöpft, erkläre ich meinen Kindern, dass ich heute Abend nicht (oder nur kurz) vorlesen werde und dass wir statt dessen gemeinsam ein Hörbuch hören. Oder ich biete ihnen am Wochenende an, zu kuscheln und gemeinsam eine Pause zu machen. Aber ich lege mich definitiv mit einem Buch oder einer Zeitschrift auf die Couch.

Ich wähle in vielen Dingen schon mal den „bequemeren“ Weg, um mich nicht zu verausgaben. Zum Beispiel integriere ich mehr von den kleinen Alltagsdingen in die Zeit mit meinen Kindern, um andere Zeiten wiederum besser für mich selbst nutzen zu können.

Die wichtigste Erkenntnis aber war, dass ich aufhören kann und muss, mit meinem Mann um die Aufgabenverteilung zu kämpfen. Es geht viel mehr darum, was ich bereit bin zu tun und was nicht. Er weiß genauso wie ich, was gerade ansteht und vieles ergibt sich zwischen uns von selbst. Notfalls darf auch mal etwas ganz wegfallen.

Denn dabei geht es um Freiheit und um Loslassen. Und irgendwie auch um Liebe – zu ihm und zu mir.

Bei alledem hat es mir sehr geholfen zu verstehen, dass ich Zeit brauche, um Tagträumen nachzuhängen und absolut nichts tun zu müssen, außer dem, was aus mir heraus entsteht. Diesen Freiraum gestehe ich mir mehr und mehr zu.

Kurz gesagt, ich suche mir jetzt viele, kleine glücklichmachende Nischen.

Und ich höre damit auf, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Mein Energiehaushalt benötigt schlichtweg sein eigenes Ressourcenmanagement. Schließlich kennt das Leben keine Grenzen zwischen meiner Arbeit, dem Familienleben und meiner Gesundheit. Es ist alles Teil des Ganzen, Teil von mir und Teil von uns.

Wenn ich auf mich achte, indem ich für meinen Energiehaushalt handele und nicht gegen ihn, macht mich das lebendiger und präsenter.

 

 

Das spüren auch meine Kinder.

Und sie lernen dabei, dass auch ich es in Ordnung finde, so zu sein, wie man eben ist.


 

Bist du ein introvertierter oder ein extrovertrierter Mensch? Siehst du das als Schwäche oder Stärke, wenn es um den Familienalltag geht? Wie berücksichtigst du das in deinem Alltag? Was sind deine  Nischen? Erzähl es mir!

Genieße den Tag / Martamam-Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

P.S. Dieser Beitrag ist aus der Reihe „Das Vereinbaren vereinfachen„. Die dazugehörigen Beiträge (der jeweils aktuellste erscheint oben) sind:

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6 Comments

  • Reply
    Frühlingskindermama
    28. März 2018 at 8:37

    Ganz ganz viele Herzen für diesen Text! Mir geht es genauso und ich habe das auch erst nach und nach verstanden und akzeptiert. Es ist nicht leicht, das Muttersein mit dieser Veranlagung, aber zumindest fühle ich mich nicht mehr komplett falsch und fehl am Plätze. Ich hoffe, dass Mütter, denen es ähnlich geht, auf solche Texte und Bücher stoßen. Liebe Grüße!

    • Reply
      Manuela
      28. März 2018 at 13:22

      Hallo, danke für deine Worte. Ich habe lange überlegt, ob ich den Text so schreibe. Aber weil es gerade auch bei mir so ein Aha-Erlebnis war, die Bücher von Susan Cain zu lesen, habe ich es dann doch getan. 🙂 Es gibt so viele Stärken, die wir Introvertierten eben auch haben, genauso wie es bei extrovertierten Personen der Fall ist, aber manchmal hatte ich eben doch das Gefühl, dass es mit dem Muttersein nur schwer zusammenpasst. Und wie DIEVERLOERENENSCHUHE es unten auch so treffend schreibt, habe ich manchmal gedacht, ich würde meine Kinder nicht genug lieben. Sonst könnte ich doch nicht gleichzeitig so stark das Bedürfnis nach Auszeiten ohne sie empfinden. Inzwischen sehe ich das anders: Ich bin wie ich bin. Ich habe wie jede Mutter Stärken und Schwächen und ich bin es auch meinen Kindern schuldig, auf meinen Energiehaushalt zu achten. Nur dann wird das Familienleben insgesamt rund und meine Kinder lernen, dass es keinen Grund gibt, sich zu verbiegen oder sich für seine Bedürfnisse schuldig zu fühlen. Wahrscheinlich werde ich nie die Mutter sein, die eine Party und eine Schnitzeljagd nach der anderen organisiert, aber es gibt auch noch viele andere Seiten im Leben, die man entdecken kann. Ich höre ihnen zu und bin für sie da, aber ich gönne mir auch selbst meine Zeit und vermittele ihnen damit etwas ganz wichtiges, dass wir unseren Alltag und unser Leben aktiv nach unseren Bedürfnissen gestalten können. Nicht egoistisch und auch nicht ohne Kompromisse, aber achtsam. 🙂 Sei ganz lieb gegrüßt, Manuela

  • Reply
    Dieverlorenenschuhe
    28. März 2018 at 12:32

    Ich liebe Deine Seite und danke Dir von Herzen für diesen Text. Es ist, als würdest Du mich beschreiben. Zwar war ich immer auch gerne unter Menschen, aber ebenso brauche ich ganz viel Zeit für mich, um ausgeglichen und glücklich zu sein. Mit Kindern und Beruf extrem schwer machnar. Und ich dachte wirklich lange, ich könne wohl meine Kinder nicht genug lieben, wenn ich mich so sehr auch nach Zeit alleine sehne und mich oft erschöpft fühle. Dein Text zeigt mir, dass ich nicht alleine damit bin, meine Bedürfnisse die Liebe zu den Kindern nicht ausschließt. Erschwert wird es halt immer noch durch meinen Ex. Er versteht mich scheinbar gar nicht und rührt regelmäßig in der Wunde.

    • Reply
      Manuela
      28. März 2018 at 13:32

      Hallo, es ist tatsächlich sehr schwierig, wenn das Umfeld nicht nachvollziehen kann, dass es uns viel Energie kostet, im Außen zu agieren. Und das tun wir meistens, wenn es um unsere Kinder und alles Drumherum geht. Mit der Liebe zu unseren Kindern hat es – wie du sagst – nichts zu tun. Aber es hat etwas damit zu tun, wie wir uns regenerieren und wie wir auch für uns den Alltag stimmig gestalten. Ich habe mir sehr lange nicht zugestanden, meine Bedürfnisse in die Waagschale zu werfen und nahezu alles nach meinen Kindern ausgerichtet. Die Folge war nur eine riesengroße Erschöpfung und das Gefühl, es letztlich doch niemandem recht zu machen. Seitdem ich auf mich selbst achte und meinen Kindern gegenüber klarere Grenzen ziehe – die ihnen übrigens nur halb so viel oder gar keine Probleme machen wie befürchtet – geht es mir besser. Ich bin fröhlicher, unternehmungslustiger und auch gelassener. Das Mamasein fühlt sich wieder leichter an und ich denke, das strahle ich im Familienalltag auch aus. Pass auf dich auf, du Liebe. LG, Manuela 🙂

  • Reply
    jongleurin
    28. März 2018 at 15:47

    Sehr interessanter Artikel! Ich finde mich in vielem wieder, was mich etwas überrascht, denn ich habe einige extrovertierte Wesenszüge und hätte mich nie als introvertiert beschreiben. Das muss ich mal überdenken, wie es scheint.
    In meinem Muttersein habe ich bisher wenig Probleme, weil ich nur ein Kind habe und das auch noch im Wechselmodell, also viel Zeit für mich. Sollte ich noch einmal ein Vollzeitbaby haben, werde ich mich ganz schön umschauen. Mein Freund hat mir aber zugesichert, dass er dann einmal im Monat ein Wochenende mit dem bisher fiktiven Kind außerhäusig übernachtet. Und so komisch das klingt, aber es hat bei mir sehr viel dazu beigetragen, dass ich mich auf eine erneute Kinderplanung einlasse.

  • Reply
    Manuela
    29. März 2018 at 7:48

    Liebe JONGLEURIN, ich habe gelesen, dass manche Menschen nicht eindeutig introvertiert oder extrovertiert sind. Es kann auch sein, dass man irgendwo dazwischen liegt und sowohl introvertierte als auch extrovertierte Anteile hat. Die Frage ist nur immer, was dann überwiegt und mit welchem Maß an Rückzug oder Wirkung im Außen man sich wohl fühlt. Deshalb kann es sein, dass du als überwiegend extrovertierter Mensch durchaus introvertierte Anteile hast, die berücksichtigt werden wollen. 🙂 Ich finde es übrigens ganz toll, dass ihr so offen über die Familienplanung sprecht und euch auch darüber unterhaltet, wie ihr euch Freiräume schaffen könnt. Ich selbst bin immer ganz froh, dass mein Mann dieses Bedürfnis nach Zeiten ohne Kinder verstehen kann und ich das nie groß erklären muss. Vermutlich tickt er da so ähnlich wie ich, auch wenn er teilweise mit den Kindern noch wesentlich entspannter ist als ich. 🙂 LG, Manuela

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