Drei Kinder Familienleben Mehr lieben

Ich bin da, so da eben

Martamam / Kuscheltiere

Ich gehe neuerdings ohne Feuchttücher, Pflaster und Dinkelkekse aus dem Haus. Ich habe den Bogen raus, wie abends alle Kinder gleichzeitig im Bett liegen und ich mich dann nur noch um mich selbst kümmern muss. Ich kenne sämtliche Terminkalender der Familie auswendig und organisiere die Kindergeburtstage mal eben auf dem Weg zur Arbeit. Oder auf dem Rückweg. Oder mal so zwischendurch. Ganz easy! Im Büro jedenfalls erhole ich mich vom Mamasein. Und außerdem bin ich inzwischen so routiniert, dass mir morgens ein Kind locker auf der Hüfte sitzt, während ich dem anderen Kind die Socken anziehe und für das dritte Kind noch schnell den Proviant herrichte. Ich kann alles gleichzeitig. Ich bin fröhlich, ausgeglichen und falls doch mal alles drunter und drüber geht, habe ich eine große Portion Humor, mit dessen Hilfe ich aaaallles meistere.

Echt jetzt?

Neeee. Nicht wirklich.

Aber genauso habe ich mir das vorgestellt, wenn mir nach der Geburt meines ersten Kindes Mütter mit zwei oder mehr Kindern begegnet sind. In meinen Augen bildeten sie eine verschworene Gemeinschaft, mit eigenem Kodex und streng gehüteten Geheimnissen, eine richtige Bande. Damals war ich mir als Mama selbst noch ganz fremd und das Leben mit meinem Baby fühlte sich so gar nicht nach meinem Leben an. Mehrfachmütter konnten so viele Wahnsinnsdinge, die ich nicht konnte.

Und heute? Ganz ehrlich?

Ich gehe zwar tatsächlich ohne Dinkelkekse (die mag bei uns nämlich keiner) aber immer noch nicht ohne Feuchttücher und Pflaster aus dem Haus. Immerhin habe ich den kleinen Rucksack mit Windeln, Schnuller und Wasserflasche jetzt griffbereit an der Garderobe hängen. Wenn ein Kind beim Anziehen Hilfe braucht, muss die Minimaus (meistens ist sie es, die da noch so an mir herumhängt) kurz von meinem Arm herunter, notfalls auch unter Protest. Den Proviant bereite ich vor, wenn die Kinder noch schlafen oder mit anderen Dingen beschäftigt sind. Das Organisieren von Kindergeburtstagen delegiere ich an die Oma und an die Museen unserer Stadt. Und im Büro? Ja, doch, da erhole ich mich tatsächlich vom Mamasein.

An meiner Gelassenheit arbeite ich täglich. Oft gelingt es, manchmal nicht. Insgesamt läuft es gut. Weil ich gelernt habe, dass ich eben nicht alles gleichzeitig kann und meine Kinder das auch verstehen. Und wenn sie es nicht verstehen, dann sind sie müde oder sie fühlen sich nicht ausreichend gesehen. Das Meckern oder Weinen kann ich dann wiederum ganz gut verstehen.

Auch dann, wenn ich selbst müde bin. Mhm, die Müdigkeit ist schon noch oft da, in meinem Körper, meinem Kopf und meinem Herzen. Dann möchte ich mich einen Tag lang mit einem Buch in meine Lieblingsecke verkriechen und nichts mehr hören. Das geht aber nicht, weil meine Kinder so laut sind und sich sowieso anschleichen und neugierig fragen würden, was ich da mache, und dann ist es mit dem Lesen wieder vorbei. Das verschiebe ich also auf die Zeit, in der sie alle drei schlafen, denn die gibt es tatsächlich.

Es kommt auch vor, dass wir alle fünf missgelaunt sind. Keine Ahnung, was dann bei uns da so rumort. Wir seufzen uns richtig ein. Einen Nachmittag oder manchmal auch einen Tag lang, bis einer sagt, lass uns vor die Tür gehen. Draußen auf der Rutsche rutschen die Kinder dann der schlechten Laune davon und wir graben unsere Füße in den Sand zwischen Eimer und Schaufel, gucken auf die Bäume, atmen die frische Luft und denken, es war gut, dass wir raus gegangen sind. Und dann Seufzen wir uns ganz schnell wieder aus.

Wie habe ich es neulich gelesen? Liebevoll begleiten. Das ist es. Das ist mein Mantra. Wenn ich das Gefühl habe, ich kann eine blöde Situation nicht verhindern oder ich kann meinen Kindern gerade so gar nicht helfen oder ich möchte am liebsten eine Runde mitweinen, weil ich genauso müde, wütend oder verunsichert bin wie sie, dann denke ich an dieses liebevoll begleiten. Ich tröste, halte Händchen und umarme. Ich frage und kuschele. Ich versuche zu verstehen, verstehe auch oft und biete ihnen meine Arme oder meine Ohren an.

Leider gibt es keinen Zaubertrank, den nur erfahrene Mütter kennen und der sie zu Supermamas macht. Ich habe kein Geheimrezept. Die Tage sind manchmal immer noch ganz schön wurschtelig.

Der Unterschied ist nur, jetzt weiß ich, dass es genau so sein muss. Das ich da nichts übersehen habe und dass alles einfach so ist, wie es ist. Manchmal gut, manchmal weniger, manchmal superleicht, manchmal superschwer, meistens irgendwo dazwischen, immer noch mit vielen Fragen, doch ganz oft gibt es schon Antworten dazu.

Heute denke ich nicht mehr, das ist gar nicht richtig mein Leben, sondern es fühlt sich nach alles meins an. Da ist jetzt eine Vertrautheit mit dem Zufünftsein, die mich nicht mehr nur staunen lässt. Sie macht mich dankbar, das ja. Aber dieses Familiesein gehört jetzt zu mir. Ganz selbstverständlich. Unvorstellbar, dass es mal anders war.

Manches, über das ich mich lange geärgert habe, ist inzwischen weggedacht, abgehakt. Weil ich mich nicht mehr darüber ärgern mag und auch, weil ich inzwischen einiges besser verstehen kann. Auch mich selbst.

Und das Staunen, das überfällt mich jetzt bei anderen Dingen: Weil sich die Minimaus plötzlich ihre eigenen Lieder ausdenkt wie „Mamagei, Papagei, Dadagei, allee gei…“, mit diesem Singsang, den sie aus der Musikstunde in der KiTa kennt. Oder weil der Mäuserich sein Taschengeld aus dem Sparschwein schon alleine zählen kann, weil die Maus ihren Flohmarkterlös schwesterlich mit ihm teilt und weil beide darauf achten, dass auch die Minimaus ein Mitbringsel vom Flohmarkt bekommt. Weil da plötzlich ein lautes, unbeschwertes Lachen ist, eine Minihand, die meine streichelt, eine überschwengliche Umarmung nach einem Streit, ein Gefühl von Geborgenheit. Einfach so. Mittendrin im Alltag.

Genauso wie diese Schwärmemomente, weil die Minimaus noch so süße Speckbeinchen hat, und diese fluffigen Haare, weil der Mäuserich so braune Augen hat und damit so guckt wie er guckt, weil die Maus so lebhaft erzählt, manchmal zu schnell für uns, mit diesem spöttischen Zug um die Lippen, wenn wir sie bitten etwas langsamer zu sein. Unsere abendlichen Elterngespräche: Schau doch mal, was die Minimaus schon kann, was der Mäuserich da gemacht hat und was die Maus weiß. Obwohl er das ja auch alles sieht, aber weil es so schön ist, darüber zu reden und es zu teilen. Unsere Vernarrtheit miteinander abzugleichen.

Und diese Dates, die ich mit dem Mäusepapa jetzt wieder habe, an denen wir meistens nur nebeneinander im Konzert sitzen, weil wir manchmal nicht mehr reden mögen und weil wir das mit dem Musikhören auch schweigend machen können. In der Pause trinken wir ein Glas Wein, erzählen ein wenig über die Kinder, obwohl wir uns doch vorgenommen hatten, genau das nicht zu tun, und bewundern den Ausblick auf die Elbe, was irgendwie langweilig klingt, es aber gar nicht ist, weil wir in den Momenten wir beide sind.

Das wieder um mich selbst kümmern, nach all den Jahren, in denen ich dachte ich habe keine Zeit dafür und gar nicht gemerkt habe, wieviel Zeit ich dadurch verloren habe. Zwei Stunden in meinem Lieblingsrestaurant, mit Buch und Wein, Geleebananen kaufen, nur für mich, den Weg zur S-Bahn etwas strecken, indem ich durch den Park laufe, oder einfach so herumgehen, Eis essen, gucken, atmen, und keiner will etwas von mir, nicht einmal ich.

Angst? Oh ja, die ist immer noch da. Um die drei Mäuse, was ihnen alles passieren kann, davor, wie ihr Leben einmal aussehen wird in dieser verrückten Welt, die ich ihnen manchmal nicht so richtig erklären kann, weil ich sie gerade selbst nicht ganz verstehe.

Aber es gibt auch die Angst, die nicht mehr da ist: Dass ich eine schlechte Mutter bin zum Beispiel. Diese Frage stellt sich mir nicht mehr. Ich bin da, so wie es ich es in jedem Augenblick des Tages gerade sein kann. Inzwischen erwarte ich nicht mehr, dass ich irgendetwas perfekt mache und dafür Grenzen überschreite. Es reicht aus, dass ich die Dinge gut genug mache, weil es okay ist, gut genug zu sein. Weil ich weiß, dass ich mir Mühe gebe und mein Herzgefühle habe, das mir verrät, wenn etwas schief läuft, auch dann, wenn sich doch mal alles schwer anfühlt. Ich frage mich nicht mehr, ob ich etwas falsch mache und wie das alles funktionieren soll. Denn ich weiß, dass es irgendwie funktioniert. Alles ist ganz richtig so.

Auch an den blöden Tagen. Auch an den Tagen, an denen die Minimaus nur auf Mamas Schoß will, zu dem sie bezeichnenderweise meine Schoß sagt, und auf dem sie gefühlt den ganzen Tag verbringt. Und an denen die Maus von der Schule nach Hause kommt und ich sie trösten muss, weil ein Mädchen etwas Gemeines gesagt hat und der Tag heute überhaupt gemein zu ihr war. Und weil sie nicht so gut Geige spielen kann wie eine ihrer Freundinnen. Ich nehme sie in den Arm und sage ihr, dass sie ja gar nicht Geige spielt und deshalb auch nicht gut darin sein kann, was alles nur noch schlimmer macht, weil ich so gar nichts verstehe und eigentlich wissen müsste, dass es darum doch gar nicht geht. Das weiß ich natürlich und deshalb will ich noch schnell etwas hinzufügen, aber ich komme nicht mehr dazu, weil sie sich auf ihrem Hochbett unter der Decke verkrochen hat. Und ich stehe davor und komme nicht an sie ran, auch weil das Hochbett so hoch ist.

Die Minimaus zupft an meinem Hosenbein und will auf den Schoß. Der Mäuserich steht daneben und will ein Brot. Ich nehme die Minimaus auf den Arm und vertröste den Mäuserich auf später. Die Maus schluchzt unter der Decke, der Mäuserich schlägt wutlaut die Tür hinter sich zu und die Minimaus protestiert mir ins Ohr, weil sie nicht auf den Arm sondern auf den Schoß will. Meine Schoß. Mit drei Ausrufezeichen. Ich sinke auf den Sitzsack vor dem Hochbett, setze mir die Minimaus auf die Beine, höre die Maus immer noch schluchzen und warte darauf, dass mich das Leben wieder loslässt.

Abends sind wir dann nur so da. Wir fünf im Bad. Die Maus neben mir auf dem Hocker, wartend, weil ich ihr die Nägel schneiden will. Die Minimaus –   frisch gebadet und ins Handtuch eingewickelt – erklärt mir gerade, dass ihre Nägel nicht geschnitten werden müssen: Neine schoscho. Der Mäuserich ist schon fertig. Er sitzt in der Badewanne und mixt irgendetwas aus grünen Badetabletten, Zahnpasta und seinen Fußnägeln zusammen. Der Mäusepapa steht im Türrahmen. Was wir heute abend essen wollen, will er wissen. Der Mäuserich schlägt vor: Einen Schluck von meinem Zaubertrank! Die Maus entgegnet Iih. Die Minimaus plappert nach Iih baäh! Der Mäuserich grinst.

Ich muss lachen. Der Mäusepapa auch. Und alles ist auf einmal richtig. Wieder ganz und gar richtig.


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