Familienleben
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Die Verdinglichung des Lebens

Lollipops

Da ist wieder so ein Satz, den ich vor Wochen einmal in einem Artikel gelesen hatte und der mir immer noch im Kopf herumspukt. Es ging (mal wieder) ums „Kinderkriegen in der zweiten Lebenshälfte“ und einer der Schlüsselsätze darin war für mich von Prof. Johannes Huinink. Er gab aus soziologischer Sicht zu bedenken, dass ein Kind für späte Eltern oft die letzte Möglichkeit sei, der Verdinglichung des Lebens zu entgehen – der Selbstdefinition allein über Leistung und Besitz.

Darüber denke ich manchmal nach, wenn ich mich mit Freunden unterhalte, die mit dem Kinderwunsch abgeschlossen haben oder sich nicht entschließen können, den Kinderwunsch endlich umzusetzen. Verdinglicht das Leben ohne Kinder tatsächlich? Oder umgekehrt gefragt, bin ich weniger besitz- und leistungsorientiert seitdem ich Kinder habe?

Für mich persönlich muss ich zugeben, dass ich vor meiner Zeit als Mama viel öfter shoppen war, weitestgehend deshalb gearbeitet habe, um Geld zu verdienen und mich mehr um Einrichtungs- und Stilfragen gekümmert habe als ich es jetzt tue. Ich habe allerdings auch vorher schon Werte wie Freundschaft, Bildung und Freiheit als existenziell empfunden. Dem letzten Trend in Sachen Mode bin ich noch nie nachgelaufen und Statussymbole wie Auto, Handy, Haus etc. fand ich schon immer lächerlich. Einen gewissen beruflichen Ehrgeiz habe ich immer noch und mich füllt die Organisation von Kindergeburtstagen und Kinderfreizeit allein nach wie vor nicht aus.

Ich habe zudem Freunde ohne Kinder, die gerne und viel reisen solange ich sie kenne, dabei verschiedenste Menschen kennenlernen und so einiges über die Welt und das Leben in anderen Kulturen zu berichten wissen. Ich habe Freunde, die sich sozial engagieren und auch ohne eigene Kinder viel für die Kinder anderer übrig haben. Ich habe eine Schwester, die sich (zumindest für den Moment) im Leben ohne Kinder eingerichtet hat und auch andere Werte als nur Besitz und Leistung pflegt. Ich kann also nicht pauschal sagen, Menschen ohne Kinder seien besitz- und leistungs-orientierter als Eltern. Das ist allenfalls eine Tendenz und dürfte auch nicht jeden gleichermaßen betreffen.

Dennoch ist natürlich einiges anders seitdem ich Kinder habe. Ich ertappe mich dabei, dass ich Gespräche über die verschiedenen Cremetöne des Teppichs im neu renovierten Schlafzimmer langweilig finde; dass ich nicht nachvollziehen kann, wenn der um einen Zentimeter verrückte Esstisch oder das vom Nachbarn seit gestern! noch nicht abgeholte Päckchen im Flur das ästhetische Empfinden beeinträchtigt; dass ich mich wundere, wenn über keine anderen Themen so raumgreifend gesprochen wird wie über die letzte Kaufentscheidung und dass ich mich darüber ärgere, wenn Entscheidungen zur Familienplanung von der Abzahlung des neuen Autos oder dem Zeitpunkt des nächsten Jahresurlaubs abhängig sein sollen. Ich kann eine Freundin nicht mehr verstehen, wenn sie sich über ihren gleichbleibenden Alltag beklagt und keinen Mut für kleinste Veränderungen findet. Ich kann es nicht mehr hören, wenn sich jemand über seinen angeblichen Zeitmangel beschwert, obwohl er doch die meiste Zeit von uns allen hat und ich kann mich einfach nicht mehr für Kneipentouren und Shoppingausflüge begeistern. Ich überlege viel länger, wofür ich mein Geld ausgebe, bemühe mich niemals in den Dispo zu rutschen und lege es eher in den Schwimmkurs meiner Maus oder gemeinsame Ausflüge ans Meer an statt in neue Kleidung. Aber das bleibt meines Erachtens immer noch eine Typfrage und eine Frage der persönlichen Entwicklung, ob nun mit oder ohne Kinder.

Ich kann die Aussage von Prof. Huinink dennoch ganz gut verstehen. Seitdem ich Mama bin, habe ich das Gefühl, es passiert täglich etwas Neues bei uns. Mir ist schon klar, dass das Außenstehende nicht unbedingt auch so sehen und hüte mich, alles bis ins Detail berichten zu müssen. Das Leben mit Kindern ist oft auch kleinteiliger, gegenwartsbezogener. Es gibt Momente, da kann ich nicht über anstehende Projektschritte, kunsthistorische Wiederentdeckungen oder gar gesellschaftspolitische Fragen nachdenken. Da muss ich einfach nur Sonnencreme und Mütze suchen, ein Pflaster auf eine Schramme kleben oder erklären, weshalb der Ture manchmal so gemein ist. Aber ich fühle mich im Fluss, durchlaufe einen ständigen Lernprozess und bewege mich in sich stetig ändernden Gefühls- und Gedankenwelten. Ich fühle mich meiner eigenen Mutter wieder näher, lege mehr Wert auf Familienfeste und Traditionen und überdenke meine eigenen Wertevorstellungen. Vieles, was mir einmal bedeutend, aufregend oder erwähnenswert erschien, finde ich inzwischen nur noch nebensächlich. Ich sehe die Zerbrechlichkeit des Lebens, fühle mich verletzbarer und verantwortlich. Ich komme öfter an meine persönlichen Grenzen und vermisse die „Leichtigkeit des Seins“. Ich bin irgendwie erwachsen geworden und es spielen tatsächlich viele andere Fragen eine Rolle als vorher noch. Das Leben mit Kindern erscheint mir ganz ehrlich gesagt irgendwie bunter.

0 Kommentare

  1. Ich kann mich wirklich gut in deinem Beitrag wiederfinden. Und die Welt mit Kindern ist auch für mich bunter und mehr im Moment (da muss ich mich nur zu meinen Kleinkindern setzen und wirklich aufmerksam zuschauen und mit machen – die Freude, die Begeisterung, das Lachen der Kinder steckt an). Was aber nicht heißen soll, dass ich mir nicht manchmal die Zeit vor Kindern zurückwünsche 🙂 Die Ordnung, die Ruhe, die Selbstbestimmung und vor allem die Freiheit (neben Arbeit) das zu Tun worauf man Lust hat. Und trotzdem möchte ich mein Leben nicht mehr eintauschen gegen das Frühere!

    LG Petra

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