Das Vereinbaren vereinfachen
Schreibe einen Kommentar

Dankbarkeit schließt das Wünschen nicht aus!

In der Vorweihnachtszeit werde ich regelmäßig nachdenklich. Vor dem Fenster ist es schwarzblau und neblig. Ich scrolle mich durch die Fotos des zurückliegenden Jahres und wähle die besten für das Jahrbuch aus. Es ist keine leichte Aufgabe, denn ich finde sie alle ziemlich schön. Nicht etwa, weil ich so ausnahmslos gut fotografieren könnte, sondern weil jedes davon ein Moment, eine Stimmung, ein Erlebnis, ein Ausschnitt unseres Alltags ist. Sie alle gehören zu uns. Egal ob verwackelt, verweint, vermüllt, verwischt, versandet, verlacht, verzaubert oder verstaunt.

Ich mag sie und ich freue mich, dass es sie gibt. Diese Bilder von meinen Kindern, meinem Mann, der Oma, von Freunden, Katzen, Kaffee, Meer, von unserer Wohnung, unserem Lachen, Spielen, Umarmen, Streiten, Verkleiden, Laufen, Fahren, Tanzen, Schwimmen…von unserem gemeinsamen Leben.

Es gibt natürlich auch die Bilder vom Schmollen, Weinen und Kranksein. Es sind sogar Bilder von kleinen Abschieden dabei. In der KiTa, vor dem Kleiderschrank, am Bahnhof. In den Vorjahren gab es auch schon mal Bilder von großen Abschieden. Solche Abschiede, die für immer waren, und an die wir sehr oft denken müssen.

Trotzdem ist unser Leben schön. Es ist großartig und zauberhaft und herrlich normal. Ein Grund zum Dankbarsein. Und das bin ich. Dankbar.

Vor ein paar Tagen sagte mir jemand, es sei doch Kinderkram, sich über die Balance zwischen Beruf und Familie so viele Gedanken zu machen. Diese berufstätigen Mütter…! Ich solle froh und dankbar dafür sein, überhaupt ein Familienleben zu haben.

Ich weiß, was er mir sagen wollte. Seine Aussage hatte etwas Wahres, auch wenn sie nicht freundlich gemeint war. Und obwohl sie einen entscheidenden Irrtum beinhaltete.

Ich bin sehr dankbar für meine Familie und die unaufgeregte Normalität, die wir die meiste Zeit leben können. Das ist etwas, was ich uns so lange wie möglich bewahren will. Ich sitze abends bei meinen Kindern und halte Hände, beantworte Fragen, streichele Köpfe, würdige Bilder und puste auf Auas, ich lese vor, erzähle vom Tag, höre zu. Hier noch ein bisschen reden, da noch einmal dem Papa Gute Nacht sagen, jetzt aber wirklich zudecken, eine andere CD einlegen, eine allerletzte Frage, ein allerletzter Kuss, ein allerletzter Blick. Ich freue mich über das, was WIR sind.  

Die Dankbarkeit erdet mich und sie lässt mich daran denken, was mir das Wichtigste ist. Sie erfüllt mich wie eine warme Suppe im Bauch und schwingt in allem mit, was ich tue. Sie macht mich ruhig, fröhlich und stark. Sie lässt mich teilen und lieben. Sie gehört zu meinem Glücklichsein.

Denn ich sehe ganz klar, dass es mir verdammt gut geht. Dass ich reich bin – in vielerlei Hinsicht.



Und ich sehe da noch etwas anderes.

Ich sehe Wünsche, Ziele und Pläne.

Wünsche, die sich noch nicht erfüllt haben. Pläne, die mich und andere betreffen. Ziele, die mit meinen Interessen und Leidenschaften, manchmal auch mit meiner Familie und allem drum herum zu tun haben.

Ich möchte mein Blogprojekt voranbringen. Ich möchte noch gelassener werden. Ich möchte meine eigene Arbeitsecke einrichten; ich möchte eine Fernreise machen (mit der ganzen Familie); ich möchte weniger arbeiten und mehr schreiben; ich möchte nachmittags mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen; ich möchte meditieren lernen; ich möchte besser kochen oder jedenfalls endlich akzeptieren, dass ich das überhaupt nicht gerne tue; ich möchte dass mein Mann wieder ganz gesund wird; ich möchte, dass wir im kommenden Schuljahr die richtige Schule für die Maus wählen; ich hoffe, dass der Mäuserich endlich einen allerallerbesten Freund findet und dass die Minimaus so zufrieden und lustig bleibt, wie sie es schon immer war.

Ich warte darauf, dass mir die Meinung anderer Leute noch sehr viel weniger wichtig wird. Und dass ich besser damit umgehen kann, wenn andere sich unfair verhalten.

Ich versuche mein Handy weniger zu benutzen und in den Stunden mit meinen Lieben präsenter zu sein.

Ich will neue Kissen, neue Bücher und ein neues Notebook.

Ich will mich gesünder ernähren und leckeren Kaffee trinken.

Ich will den Alltag genießen.

Oh ja, das alles will ich. Und noch viel mehr.



Trotzdem bin ich dankbar.

Und wunschvoll.

Beides gleichzeitig.


 

Für mich passt das zusammen. Wir können dankbar sein für das, was wir haben. Und wir können wünschen und wollen. Das eine schließt das andere nicht aus, denn unser Leben lässt sich nicht in Dankbarkeit konservieren wie die Erdbeeren aus dem letzten Sommer in Einweckgläsern.

Es ist ein Irrtum, vom Wünschen -oder vielmehr Nichtwünschen- unmittelbar auf die Dankbarkeit zu schließen.


Pläne schmieden
und Ziele setzen bedeuten nicht Egoismus oder Unzufriedenheit. Das Wünschen ist Teil des Wachstums, des Weitergehens, der Veränderung. Ja, das Wünschen selbst verändert sich. Mit unseren Gefühlen, Prioritäten und Sorgen. Mit dem, was wir schon erreicht haben. Mit dem, was wir nicht (mehr) beeinflussen können, und auch mit dem, was wir auf unserem Weg bis hierher gelernt haben.

Wir streben und wir suchen.

Wir halten inne und wir gehen weiter.

Wir wünschen und wir danken.

Wir leben.

 

 

Wie siehst du das? Hast du ein schlechtes Gewissen, weil du bestimmte Wünsche hegst? Wofür bist du dankbar? Und wie vereinbarst du das Dankbarsein und das Wünschen in deinem Alltag?  Hinterlass mir einen Kommentar oder schreibe mir. Ich freue mich.

P.S. Dieser Artikel ist Teil meiner Beitragsreihe „Das Vereinbaren vereinfachen“. Noch mehr Beiträge zum Thema findest du hier.

Kommentar verfassen