Beruf Das Vereinbaren vereinfachen

Selbstfürsorge ist eine Notwendigkeit oder Meine „Big Five“ des Mutterseins

Als ich mit der Maus (mein erstes Kind) schwanger war, las ich beinahe jeden Schwangerschafts-, Erziehungs-, Kinderernährungs- und Elternratgeber, den die Buchhandlung und die Bibliothek so hergaben. Ich versprach mir davon, die aufsteigende Panik vor dem Mutterwerden einzudämmen. Keine Frage. Ich wollte sehr gerne Mutter werden. Die Maus war ein Wunschkind. Genauso wie der Mäuserich und die Minimaus später auch. Geplant, geliebt und herbeigesehnt.

Trotzdem fühlte ich mich alles andere als qualifiziert für das, was auf mich zukommen würde. Ich war überzeugt davon, dass ich ganz bestimmt alles, aber auch wirklich alles mit diesem Miniwesen falsch machen würde. Man kann ja so viel falsch machen! ist seit der Zeit damals ein geflügeltes Wort zwischen mir und dem Mäusepapa.

Um mich zu beruhigen, schrieb ich Listen mit Dingen, die ich für die Schwangerschaft, für die Geburt und für die Zeit danach brauchen würde. Ich räumte die Wohnung um und dekorierte das Kinderzimmer. Ich las Blogs, Foren und Zeitschriften. Ich stellte meinem Arzt, meiner Hebamme, anderen Müttern und auch meiner Mutter viele Fragen. Ich hoffte auf beruhigende Antworten. Insbesondere hoffte ich auf das Geheimrezept für glückliche Babys und glückliche Mütter.

Und immer hieß es sehr geheimnisvoll: So ein Kind verändert alles. Du wirst schon sehen, alles andere wird an Bedeutung verlieren. Ist das Baby zufrieden wirst du es auch sein. Du willst wieder arbeiten? Warte nur ab bis das Kind erst einmal da ist.

Die Erwartung, mich selbst derart aufzugeben, erschien mir das Schlimmste von allem.

Dann kam die Maus auf die Welt. Ich war sofort verliebt, aber sie blieb mir fremd. Und dass der Mäusepapa in den ersten Tagen abends nach Hause ging, während ich in der Klinik allein mit diesem unbekannten Baby zurück blieb, verunsicherte mich enorm. Als die Maus in der ersten Nacht zu weinen begann, rief ich hilflos nach der Krankenschwester und ließ mir sagen, dass das Baby Hunger habe. Mehr nicht.

So einfach? So einfach!

Ich fand gar nichts einfach.

In den ersten Monaten schwankte ich zwischen Euphorie und Panik. Ich liebte dieses Miniwesen und ich vermisste meine Freiheit. Ich war alles andere als entspannt und selig. Ich war ein Nervenbündel. Und ich beneidete den Mäusepapa dafür, dass er ins Büro gehen konnte und sich für ihn nichts am Tagesablauf änderte. Außer das zu Hause ein Baby auf ihn wartete.

Und auch ich begann zu warten. Darauf, dass der erste Monat vorbeiging, dass wir das erste halbe Jahr überstehen würden, dass der Schlafrhythmus regelmäßiger wurde, dass die Maus lernte, ohne Stillen einzuschlafen, dass sie Brei aß, dass sie die ersten Schritte machte, dass sie im Buggy sitzen konnte, dass wir einen KiTa-Platz bekamen, dass ich zurück ins Büro durfte.

Oh ja. Ich freute mich darauf, wieder den gewohnten Alltag leben zu können. Ich wollte unbedingt diesen Ausnahmezustand mit einem Baby zu Hause beenden und wieder mehr ich selbst sein.

Und dann kam die Zeit der Eingewöhnung in der KiTa. Und mir zerriss es das Herz.

So ist das mit den Muttergefühlen!


Im Nachhinein weiß ich, dass die Maus ein unkompliziertes Kind war (und auch immer noch ist), dass ich dieses Jahr zu Hause hätte mehr genießen sollen; dass ich auch ohne Bücher lerne, eine Mutter zu sein; dass ich Hilfe bekomme, wenn ich sie brauche und dass ich so etwas wie Intuition besitze.

Vor allem aber begriff ich, dass ich mit einem Kind ICH bleibe.

Es ist ein Mythos, dass Mütter aufhören, ganz normale Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen zu sein. Das Sichaufopfern kann ich genauso schlecht wie andere Menschen auch. Ich habe absolut nicht das Windelwechsel-Still-Verzichts-Gen.

Kein Zweifel! Wie man die erste Zeit als Mutter erlebt, ist eindeutig eine Typfrage.

Eine Typfrage ist es für mich auch, was neben den Kindern noch Platz im Leben finden soll. Für mich sind meine Kinder das Größte, aber nicht alles.

Bist du jetzt entsetzt?

Natürlich weiß ich, wofür ich mich entscheide, wenn mein Baby Hunger hat und meine Kinder Unterstützung benötigen. Mir ist auch klar, dass sich die Aufgaben in meinem Leben mit Kindern verschoben haben und dass manche Rahmenbedingungen mit den Kindern jetzt gesetzt sind.

Aber ganz ehrlich? Irgendwie habe ich in jeder Elternzeit aufs Neue innerlich am Rad gedreht. Wie gesagt, ich blieb ICH. Nur dass ich beim zweiten und dritten Mal schon besser damit umgehen konnte und dann auch das Beste für mich daraus gemacht habe. Immer noch mit Höhen und Tiefen, aber auch mit mehr Gelassenheit und dem Wissen, dass diese erste Zeit rückblickend betrachtet verdammt kurz ist (das ist nicht nur so ein Elternspruch, das ist wirklich so).


 

Und immer auch stellten sich mir diese Fragen:

Was wäre, wenn wir uns selbst gut umsorgen und eigenen Wünschen nachgehen? Wie würde das unsere Beziehungen zu unseren Kindern verändern und wie würde es das Muttersein verändern?

Wie wäre es, ein neues Mutterbild für sich zu kreieren? Eines, in dem es um uns Mütter geht? Eines, in dem wir uns ein Leben gestalten, das wir auch als Mütter mögen und das wir gleichzeitig dazu nutzen, unseren Kindern die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie für ein erfülltes Leben brauchen?

Was wäre, wenn der Gewinn für unsere Kinder nicht mehr auf unserem Opfer basiert? Was wäre, wenn wir uns von überfordernden und hemmenden Anforderungen freimachen würden?

Was wäre, wenn wir uns aus der Fülle und nicht aus dem Verzicht heraus um unsere Kinder kümmern?



Wir alle wollen gute Mütter sein. Aber es ist an der Zeit zu überdenken, was das jeweils für uns bedeutet.

Ich behaupte, dass wir bessere Mütter sind, wenn wir uns gut um uns selbst kümmern.

 Selbstfürsorge ist kein Luxus, es ist Teil der Verantwortung, die wir für uns übernehmen.

Ich brauche auch als Mutter Zeit für mich, um nicht innerlich auszubrennen. Und ich brauche all die anderen Menschen um mich herum, die meine Kinder lieb haben und zu denen sie ebenfalls stabile Bindungen aufbauen können.

Ich mag es, dass meine Kinder auch zur Oma, dem Papa und der Erzieherin in der KiTa eine vertrauensvolle Beziehung haben, sich bei ihnen gut aufgehoben fühlen und gemeinsam mit ihnen Spaß haben.

Die Liebe meiner Kinder mit anderen Menschen zu teilen, befreit mich ungemein.

Und noch etwas befreit mich von den überhöhten Anforderungen an mich als Mutter.

Meine Big Five des Mutterseins.

Was das ist?

Die Big Five sind meine wichtigsten Alltagsregeln als Mutter. Sie sind der Anker, wenn mich wieder einmal das Gefühl überkommt, zu viel zu wollen oder zu müssen. Sie erinnern mich an das Wesentliche. Vor allem jedoch erinnern sie mich daran, dass ich vollkommen ausreichend bin, wie ich bin. Und dass ich mehr gewinne als verliere, wenn ich mich nicht aufopfere sondern bewusst Prioritäten setze.

Für alle anderen Aufgaben und Verpflichtungen im Familienalltag habe ich mir vorgenommen, flexibel auf die jeweilige Situation zu reagieren, mich nicht dazu zu zwingen, etwas einzuhalten (etwa weil ich es schon immer so gemacht habe), sondern mich zu fragen, ob das jetzt wirklich wichtig ist.

Diese Klarheit verschafft mir inneren Freiraum und macht mich im Familienalltag spürbar gelassener.

Meine Big Five sind Teil der Selbstfürsorge, denn sie helfen mir dabei, loszulassen.

Und so sehen sie aus:

  • Erkenne die Gefühle deiner Kinder an. (z.B. Formuliere „Ja, sobald…“ statt „Nein“. Kuschele viel. Gib zu, wenn etwas schwer ist. Halte ein Versprechen oder gib es gar nicht erst. Schreibe Wichtiges mit ihnen zusammen auf. Zerrede nicht Wut, Enttäuschung oder Trauer.)
  • Erledige den Haushalt auch wenn deine Kinder da sind, aber höre zu und biete ihnen an, während der Erledigungen zusammen zu sein.
  • Lass dich öfter darauf ein, mit deinen Kindern spontane Projekte zu beginnen (z.B. basteln, bauen oder malen).
  • Halte Erinnerungen fest (Fotobuch, Sammelbox…).
  • Sei in der Gegenwart.

Meine Hauptmaxime sind ganz klar persönlich und sie können sich von Zeit zu Zeit auch wieder verändern. Bei dir sehen sie sicherlich anders aus, vielleicht hast du sogar eine sechste oder siebte Regel. Aber letztlich ist das gar nicht so entscheidend, denn es geht darum, eigene und fremde Erwartungen an dich als Mutter zu hinterfragen und dir darüber klar zu werden, was für dich am meisten zählt .

 

Hast auch du für dich solche Alltagsregeln? Wie sehen sie aus? Und was tust du, um dich zu entlasten und dich selbst gut zu versorgen?  Schreib mir gerne.

 

P.S. Für die Suche nach den persönlichen Big-Five habe ich ein Gratis-Worksheet entwickelt. Wenn du einen klareren Blick auf dich als Mutter gewinnen und mit meinem Worksheet arbeiten möchtest, dann trage dich gerne hier ein:

 

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5 Comments

  • Reply
    Mathilde Schäfer
    14. Dezember 2017 at 10:25

    Danke für deinen tollen Beitrag, der mir zusätzlich Kraft gibt auch als Mutter ich selbst sein zu können. Statt einer Big Five habe ich ein 5-Parteiensystem vor Augen: „Zeit für sich, Zeit für die Freunde, Zeit für das/die Kind/er, Zeit für den/die Partner/in und Zeit mit der ganzen Familie. So wie in einem Parteiensystem auch, variiert die Größe der Parteien und damit die Zusammensetzung aller Parteien. Wichtig ist, diese je nach den eigenen Bedürfnissen auszutarieren – ganz ohne auf die nächste Wahl warten zu müssen. “ (Auszug aus https://wanderfamilie.blog/2017/09/06/mein-wunschweg-zu-moderner-rollenverteilung-in-der-elternschaft/)
    Mal sehen wie es mit der Anwendung klappen wird 😉
    Viele Grüße, Mathilde

    • Reply
      Manuela
      14. Dezember 2017 at 10:48

      Hallo Mathilde,
      das mit dem Parteiensystem klingt prima. 🙂 Mir ist es am Anfang tatsächlich schwer gefallen, Zeit alleine zu verbringen. Nicht etwa, weil ich das nicht gebraucht hätte, sondern weil ich wirklich dachte, das kann ich als gute Mutter jetzt nicht bringen. So ein Quatsch….Mein Mann hat das zum Glück ganz anders gesehen und mich quasi vor die Tür geschickt. Einzige Voraussetzung, ich musste herausfinden, was ich wollte und meine MeTime planen. Inzwischen finde ich die Zeiten, in denen jeder von uns die Kinder betreut, ausgeglichen und das ist auch gut so. Ich bin als Frau nicht zwangsläufig qualifizierter für diese Aufgabe. Mein Mann kann es sogar fast besser, weil er dabei entspannter ist. 🙂 Es hat eben jeder so seine Stärken und Schwächen…Ich reagiere auch höchst allergisch darauf, wenn sich jemand wundert, dass ich meinen Mann mit unseren drei Kindern regelmäßig alleine lasse, um eigenen Interessen nachzugehen. Umgekehrt würde sich niemand darüber wundern, oder? Sei ganz lieb gegrüßt und berichte mal, wie es bei euch mit der praktischen Umsetzung so läuft. Manuela

  • Reply
    bulmers2011
    14. Dezember 2017 at 18:21

    Liebe Manuela,
    das kann ich mir vorstellen, wie schnell Frauen als Rabenmütter, Väter aber selten als Rabenväter stigmatisiert werden… Toll, dass dein Mann dich unterstützt hat, Me-Time zu haben und noch schöner ist, dass du sie offenbar mit etwas Übung auch genießen kannst 🙂 Es ist doch einfach nur eine Win-Win-Win-Situation für beide Eltern und das Kind, wenn jeder Elternteil seine Me-Time hat!
    Sobald es soweit ist, werde ich gerne mal von meinen Umsetzungserfahrungen berichten.
    Liebe Grüße zurück,
    Mathilde

  • Reply
    WENIGER VEREINBAREN heißt MEHR LEBEN
    1. Februar 2018 at 10:37

    […] Selbstfürsorge ist eine Notwendigkeit […]

  • Reply
    "Stille" Mütter brauchen ruhige Nischen - Martamam
    28. März 2018 at 7:46

    […] Selbstfürsorge ist eine Notwendigkeit […]

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