Familienleben
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Armes Geschwisterkind

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Meiner Omi tun meine Kinder leid. Warum? Weil sie keine Einzelkinder sind. Sie selbst hat zwar eine Schwester, der sie sehr nahe steht. Das nehme ich jedenfalls an. Aber ihre Tochter, meine Mama, ist ein Einzelkind. Ich dachte immer, dies sei der Zeit geschuldet, zu der meine Mutter auf die Welt kam. Die Kriegsgeneration hatte einiges erlebt, was wir uns kaum vorstellen können. Viele Kinder zu haben, war damals sicher nicht einfach. Deshalb war es für mich einerseits verständlich, dass ein Kind als Ideal galt.

Andererseits ist meine Schwiegermutter in derselben Generation (ja, meine Familie war da etwas früher dran mit der Familiengründung) und hat drei Kinder. Hier spielte wohl eine Rolle wie der finanzielle Hintergrund der Familie damals war.

Vielleicht geht es meiner Omi ums Teilenmüssen. Ist es das? Ich habe das schon verstanden, dass der Mäuserich arm dran gewesen sein soll, als die Maus Geburtstag hatte. Allerdings gibt es bei uns seit jeher Geschwistergeschenke und der Tag des Mäuserichs kommt auch noch. Dann ist die Maus arm dran…Wohin soll uns das bloß führen?

Ich war jedenfalls einigermaßen baff als ich von der Einstellung meiner Oma erfuhr. Hatte ich doch eigentlich das Gefühl, daß sie unser trubeliges Familienleben ganz schön findet. Zu meiner neuesten Entdeckung passt nun auch der Artikel in der Brigitte Mom (Ausgabe 2/2015). Darin geht es in einem Beitrag („Gute Mütter…) ebenfalls darum, warum die Entscheidung für ein Einzelkind und gegen weitere Kinder gefallen ist. Statistisch gesehen hat jede dritte Mutter bei uns ein Einzelkind. Das ist also schon eher die Regel als die Ausnahme. 

Mögen bei meiner Omi noch überwiegend materielle Gründe eine Rolle gespielt haben, geht es jetzt eher darum, allem gerecht zu werden und genügend Zeit für sich, den Beruf, Freunde, Hobby und das Kind zu haben. Wenn man sich deshalb nicht gleich ganz gegen Kinder entscheidet, dann entscheidet man sich spätestens nach der Geburt des ersten Kindes gegen weitere.

Ich kann all diese Argumente verstehen. Ganz ehrlich. Ich habe selbst einmal so gedacht. Nach dem ersten Kind fand ich das Mamasein ziemlich anstrengend und stand wohl lange Zeit unerkannt unter Schock. Als ich mich wieder gefangen und in die neue Rolle eingefunden hatte, kam auch bei uns das Thema Geschwisterkind auf. Der Mäusepapa war schon immer für mehr als ein Kind. Ich wollte davon nichts wissen und befand ein Kind für vollkommen ausreichend. Allerdings konnte auch ich mich noch sehr gut daran erinnern, wie schön es neben all den Reibereien mit meiner kleinen Schwester war und der Mäusepapa war mit seinen beiden Brüdern sowieso eine eingeschworene Gemeinschaft. Natürlich hat man nie die Garantie, dass es seinen eigenen Kindern dann auch so ergehen wird, aber wie soll man das je erfahren, wenn man ihnen die Chance nicht gibt?

Unser Weg zu drei Kindern war trotz dieser Erinnerungen nicht geradlinig. Der Mäusepapa hatte wohl noch am ehesten ein Bild von drei Kindern im Kopf. Ich sah mich zunächst gar nicht als Mama und wenn überhaupt dann allenfalls von einem Kind. Da war auch kein weiteres Bild in mir. Nichts. Ich denke, bei mir war es eher der Verstand, der gesagt hat, ein Kind und zwei Erwachsene sind zu wenig. Es schien mir für die Kinder schön, wenn sie genauso viele wie die Erwachsenen oder sogar in der Überzahl sind. Das hat für mich so etwas lebensbejahendes. Ich fand es immer bedrückend, wenn alle „Omas und Tanten“ auf das einzige kleine Kind in der Runde starren. Positiv beeinflusst hat mich eine Familie in der KiTa der Maus damals, die mit 4 Kindern recht entspannt und zufrieden wirkte. Beide Akademiker und liebevolle Eltern. Das hat mich beeindruckt und irgendwie auch offen gemacht für die Vorstellung von mehr als einem Kind.

Natürlich bin ich oft genug angespannt, angestrengt und stehe wie alle Eltern unter Druck. Die Erwartungen von allen Seiten sind hoch. Manchmal denke ich dann, ein Kind hätte es auch getan und ich wäre jetzt schon längst aus der Babyphase heraus. Ich war auch noch nie der Ansicht, dass Einzelkinder kleine egoistische Tyrannen werden. Dazu kenne ich zu viele ganz wunderbare Personen aus den verschiedensten Geschwister- und Nicht-Geschwisterkonstellationen. Ich selbst bin nicht der Typ, den ich mir als Mama von drei Kindern so vorgestellt hätte. Erst beim dritten Kind war allein das Herz ausschlaggebend für die Entscheidung zu einem weiteren Kind. Wahrscheinlich hätte ich das also genauso gut anders entschieden, wenn es nicht dieser Mann, dieser Job und dieses soziale Umfeld geworden wäre. Bei solchen Entscheidungen kommt eben trotz aller ursprünglichen Vorstellungen auch einfach mal das Leben dazwischen.

Und dann bin ich auch wieder ganz stolz darauf, zunächst den Mut zu einem und später dann auch zu weiteren Kindern gehabt zu haben. Aufgeschoben ist in dem Fall schließlich nicht aufgehoben. Die Phase, in denen meine Mäuse dann alle größer sind und wir als Paar auch wieder mehr Freiräume genießen können, kommt zweifellos. Durch den Altersabstand von jeweils ca. 3 Jahren habe ich trotz der Elternzeiten auch den Anschluss im Beruf nicht verloren und so einschneidend wie den Schritt zum ersten Kind fand ich es dann bei den anderen beiden schon nicht mehr. Und irgendwo in mir war da auch die Neugierde darauf, wie ein weiteres Kind so sein wird.

Wenn ich die Maus und den Mäuserich jetzt zusammen sehe, dann sehe ich etwas Gutes vor mir. Sie spielen gerne zusammen, sie üben natürlich auch das Streiten miteinander, sie tauschen verschwörerische Blicke, wenn der Mäusepapa grummelt und sind sich einig, wenn Mama mal wieder „blöd“ ist. Sie trösten sich, wenn der eine stürzt und sie vermissen sich, wenn der andere ein paar Tage mit dem Papa wegfährt. Sie schimpfen übereinander und sie vertragen sich auch wieder. Sie nerven sich und sind trotzdem füreinander da. Letztlich ist da dieses Grundrauschen in ihrer Beziehung, das Liebe und Nähe ausmacht. Diese Verbindung könnten wir ihnen als Eltern nicht geben. Vielleicht noch eher sehr gute Freunde. Die sind aber auch nicht immer da, haben andere Eltern und werden schon gar nicht im selben Zuhause groß. Und unsere Minimaus wächst in diese Liebe so selbstverständlich hinein als wäre es nie anders gewesen.

1 Kommentare

  1. Und außerdem (aber vielleicht habe auch nur ich solche Gedanken) ist man ja auch ein bisschen stolz drauf, wie man das mit drei Kindern so wuppt. Kann schließlich nicht jeder! Wenn man nicht grad dran verzweifelt was sich ja mit dem Stolz-sein gern mal abwechselt 🙂

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